Hamburg

Die Elbphilharmonie gehört Mr. Reich

Eine Begegnung mit dem US-Komponisten, der Mittelpunkt eines dreitägigen Festivals ist

Hamburg.  Ungefähr sieben ­Sekunden nach der Begrüßung wird zum ersten Mal klar, dass Steve Reich kein Freund gepflegter Zeitverschwendung ist. Beim Gang über die gut ­besuchte Elbphilharmonie-Plaza: Ach was, keine Zeit für Sightseeing gehabt bisher, ­Hotelzimmer, Arbeitsplatz, zurück, that’s it. 80 ist der US-Komponist, man sieht es ihm nicht an, und beim Interview redet der New Yorker Reich in einem Tempo, das für zwei reichen würde. Bis zum Wochenende ist er – einer der großen, mittlerweile ­alten Männer der Minimal Music – Zentralgestirn eines kurzen Elbphilharmonie-Festivals mit Schlüsselwerken.

Welche Melodie hätten Sie wahnsinnig gern komponiert?

Steve Reich: So denke ich nicht, fragen Sie etwas anderes. Obwohl: Ich hätte gern das Cembalo-Solo im 5. Brandenburgischen Konzert geschrieben. Hat leider ein viel Besserer gemacht.

In Ihren jungen Jahren haben Konzerte mit Ihrer Musik schon mal den einen oder anderen Skandal ausgelöst ...

Ich mag Skandale nicht, ich mag auch Manifeste nicht. Wer Skandale liebt, ist ein Trottel. Ich möchte nur mein ­Leben leben, und ich möchte, dass die Menschen meine Musik lieben.

So viele Komponisten versuchen vor allem, sich nicht zu wiederholen, aber bei Minimal Music geht es vor allem darum ...

Falsch! In beiden Punkten! Komponisten haben sich immer wiederholt. Beethoven, da-da-da-daaa... Das Schicksal klopft an die Tür!? Blödsinn. Es ist ein Drei-Ton-Motiv, und dann wandert das kleine Ding immer wieder, immer weiter durchs Stück ... Großartig! Wiederholung allein ist ein Langeweiler! Das ist dumm! Niemand, der nichts anderes anstellt, kann damit Karriere ­machen. Man muss etwas nehmen und es variieren. In frühen Werken habe ich ein Pattern, ein Muster, mit sich selbst kombiniert und es wie einen Kanon ­behandelt. Aber es gab keinen festen Abstand zwischen den beiden Stimmen, er war flexibel, sich immer verändernd, der Fachbegriff dafür ist phasing. Wiederholung war schon ein Grundbestandteil von Musik, als wir ­alle noch in Höhlen lebten.

Der „New Yorker“-Kritiker Alex Ross schrieb über Ihre rauschhafte Musik, sie sei eine „Droge ohne das Durcheinander“.

Ich habe nicht den Hauch einer ­Ahnung, wie ich das kommentieren sollte. Das können Sie tun.

Wann wurde Ihnen klar, dass Ihre Musik etwas Großes, Wichtiges, Bleibendes ist?

Meine Karriere verlief in Etappen. ­Anfangs gab es sehr viel Widerstände. Als ich mein Studium begann, gab es einen regelrechten Krieg: Entweder man war für Strawinsky oder für Schönberg. Wegen Strawinskys „Sacre“ wollte ich Komponist werden. Und dann: Jazz! Bebop! Miles Davis! Kenny Clarke! Später Coltrane! Alles große Einflüsse. Léonin und Pérotin, die ­Notre-Dame-Schule nach der Gregorianik ... Als ich anfing, kam es mir so vor, dass ich und andere mit musikalischen Grundlagen arbeiteten, die ihre Wurzeln in früher westlicher Musik haben, aber auch Verbindungen zu nicht westlicher Musik, in meinem Fall westafrikanische und balinesische Musik. Von den frühen Stücken mit Tonband-Anteilen ging es weiter zu Stücken mit Menschen. Sonst wäre das alles nur ein Gimmick geblieben.

Sie waren mal ein „Maverick“, ein Einzelgänger, jetzt sind Sie eine Legende der zeitgenössischen Musik.

Sehen Sie, jeder will geliebt werden, da bin ich keine Ausnahme. Aber es dauerte. Als mein Stück „It’s Gonna Rain“ damals von einer New Yorker Radiostation gespielt wurde, wurde die Telefonzentrale geflutet von Anrufen: Die Platte hat einen Sprung! Der Verstärker ist kaputt! ... Pff. Nach und nach wurde es aber anders, meine Musik übte einen großen Einfluss auf Popmusik aus, durch Leute wie David Bowie oder Brian Eno wurden diese Ideen bekannter.

Wie sieht Ihre Arbeitsdisziplin aus? Tagelang nichts und dann ein Schaffensschub? Oder täglich pünktlich morgens um zehn?

Eher etwas dazwischen. Ich habe meinen Laptop dabei. Zu Hause bin ich ein später Arbeiter, das meiste ist zwischen Mittag und Mitternacht entstanden. Ich bin sehr langsam. Und ich setze die Abgabetermine großzügig, weil ich nicht gern spät dran bin.

Über Ihre Wohnung in New York war zu lesen, dass sie sehr dicke Fensterscheiben hatte, um den Lärm draußen zu halten.

Stimmt. Unsere jetzige Wohnung ist viel leiser. Aber wenn ich durch Midtown gehe, habe ich immer Ohrstöpsel dabei. Ich kann Krach nicht ausstehen! Sirenen machen mich irre. Deswegen bin ich lieber auf dem Land.

Ihr Lieblingsgeräusch, außer Stille?

Stille ist nicht mein Lieblingsgeräusch. Fließendes Wasser ist sehr entspannend. Die eigenen Fußschritte hören.

Erfolg kann ein Problem sein.

Ja.

Wissen Sie, wer das sagte?

Miles Davis.

Nein. Das waren Sie.

Dann bin ich ja in guter Gesellschaft.

Die letzten Worte auf meiner Stichwort­liste: Politik, Trump, USA.

Dazu sage ich nichts.

So schlimm?

Dazu sage ich nichts. Ich kenne mich mit Musik aus.

Und klingen, nun ja: sauer.

Also: Ich bewundere Bescheidenheit.

„Maximal minimal“ bis 13.5., ausverkauft!