Hamburg

Beklemmend starke „Psychose“

Im Malersaal werden Schauspielerin und Regisseurin mit Beifall überschüttet

Hamburg. Dunkelheit. Schritte. Jemand geht eine Treppe hinunter. Eine Tür klappt. Hundegebell. Licht fällt auf das Gesicht einer Frau. Sie geht, ohne von der Stelle zu kommen. „Erinnere dich an das Licht und glaube dem Licht. Ich darf nicht vergessen“, sagt sie und spaziert weiter durch die Dunkelheit. Die Bühne im Malersaal ist ein schwarzer Bildschirm, umgeben von einer Lichtleiste. Geräusche einer Stadt umgeben die hallenden Schritte der Frau. Sie beginnt ihr Selbstgespräch mit einer Selbstanklage: „Ich bin unzufrieden ... Traurig ... Schuldig ... Ein Versager ... Ich möchte mich umbringen.“ Aus dieser Beschreibung der Depression, der Ängste und des Lebensekels wird bald Wut, die sich mokiert über „die sanfte Psychiaterstimme der Vernunft“.

Der Text stammt von der britischen Dramatikerin Sarah Kane. Im Alter von 28 Jahren hat sie sich 1999 erhängt. Fünf Stücke hat sie in ihrem kurzen Leben geschrieben, „4.48 Psychose“ ist das letzte, die Uraufführung hat sie nicht mehr erlebt. Das Stück ist im Original eine Anein­anderreihung von Monologen, Zahlen und Wortketten, die keinem dramatischen Personal zugeordnet werden. Zahlreiche Regisseure haben diese literarische Verdichtung einer Depression von mehreren Personen spielen lassen, Katie Mitchell lässt den ganzen Text von Julia Wieninger sprechen und spielen. Durch diese Konzentration auf eine Figur wirkt der Text noch dichter und erreicht den Zuschauer noch unmittelbarer. Im Malersaal ist eine Frau zu sehen, die ihre suizidalen Gedanken mitteilt, ihre Krankengeschichte mit großer Klarheit reflektiert, Gespräche mit ihrem Psychologen zitiert und die mit zunehmender Dauer immer verzweifelter wird.

Eine Stunde langt stapft Wieninger durch die Nacht, in dem wenigen Licht sind nur ihr Gesicht und ihr Oberkörper zu sehen. Unaufhörlich redet sie weiter, jede Nacht um 4.48 Uhr lässt die Wirkung der Medikamente nach. Sie versucht, ihren Psychiater anzurufen, doch erreicht immer nur dessen Anrufbeantworter. Was anfangs noch wie eine analytische Beschreibung des eigenen Gemütszustandes wirkt, artet später in Raserei aus. „Ich habe die Juden vergast. Ich habe die Araber gekillt“, schreit sie und macht sich zum Monstrum. Am Ende ist jeglicher Halt verloren. Die Eltern hat sie verflucht, Gott antwortet ihr nicht. „Ich werde erfrieren in der Hölle“, sagt die Frau. Dann das Geräusch eines herannahenden Zuges. Dunkelheit.

Julia Wieninger, Katie Mitchell und ihr Team mit Alex Eates (Bühne), Donato Wharton (Sound) und Jack Knowles (Licht) machen aus Sarah Kanes Vorlage eine aufwühlende Beschreibung der Volkskrankheit Depression und der damit einhergehenden Auflösung einer Person. Es ist der Blick in ein schwarzes Loch. Als nach einer Stunde die Bühne dunkel wird, wagt niemand zu klatschen. Zu stark ist der Text, zu präsent Wieninger in ihrem Taumel in den Abgrund. Erst nach einem mehrmaligen Durchatmen werden Schauspielerin und Regisseurin mit Beifall überschüttet.

„4.48 Psychose“ Die Vorstellungen im März sind ausverkauft. Weitere Termine werden auf www.schauspielhaus.de angekündigt.