Konzert in Hamburg

Radikale, wilde Klänge im Kleinen Saal der Elbphilharmonie

Das Arditti Quartet hat mehr als 200 CDs veröffentlicht

Das Arditti Quartet hat mehr als 200 CDs veröffentlicht

Foto: Claudia Hoehne

Das Arditti Quartet spielte Neue Musik im Kleinen Saal der Elbphilharmonie und wurde dafür begeistert gefeiert.

Hamburg.  Ein Konzertabend mit dem Arditti Quartet kann den inneren Kompass mächtig ins Trudeln bringen. Wenn ein Streichquartett sich so weit ins Unkartierte vorwagt wie diese vier Herren, darf man mit allem rechnen. Solch ein Abend ist eine Synapsenflutung mit klarem, kalten Wasser direkt von der Quelle, man fragt sich unentwegt: Was passiert dort, wie machen die das? Wie schreibt man diese wilden, derart anderen Klänge und Rhythmen nieder? Wie holt man sie wieder aus dem Notenpapier, tunlichst so, wie sie gedacht waren?

Kein radikaleres, kein angemesseneres Gast-Ensemble wäre denkbar gewesen, um den Kleinen Saal der Elbphilharmonie, diese Intensivstation für anderes, als erstes Quartett zu bespielen; mit einem Programm, das genauso konsequent in unserer Gegenwart wurzelt: nur Musik aus dem 21. Jahrhundert. Das älteste Stück – Brian Ferneyhoughs 6. Quartett – ist gerade sechs Jahre jung.

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Dort rasten die Instrumente durchs Hier und Jetzt, ein Kaleidoskop der akustischen Sekundenreize rauschte, flirrte durch den Raum. Und dieser Kammermusiksaal, noch ganz frisch, verhielt sich so mustergültig streng, trennscharf und gleichzeitig liebenswürdig zu jeder einzelnen akustischen Begebenheit, wie sie es verdient hatte.

Das eigene Atmen wirkte hier schon eher wie Keuchen, wenn die Streicher am Rande der Hörbarkeit offenbar nur noch auf einzelnen Bogenhaaren spielten. Man hörte quasi noch Schuhgröße und Blutgruppe des jeweiligen Komponisten mit, so direkt war das hoch konzentriert ruhige und dennoch entspannt neugierige Publikum, das nach jedem Stück laut jubelte, im Geschehen.

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„Horizont auf hoher See“ von Younghi Pagh-Paan, eine ins Meditative schwankende Auftragskomposition der Elbphilharmonie und der Ardittis, erlebte eine Premiere, die in keinem Moment aus dem Ruder zu laufen schien. Nach einem Quartett von Philippe Manoury übertrafen sich die Ardittis mit „Grido“, dem 3. Quartett von Helmut Lachenmann, in dem die Musik sich selbst infrage stellte.

Diese Achterbahnfahrt durchs Ungewisse war wie eine Droge, die ungebremst ins Blut schoss.