Hamburg

Was darf man in diesem Land noch sagen?

Aktivisten setzen „rechte“ Webseiten wie „Achse des Guten“ und „Tichys Einblick“ auf schwarze Liste. Agentur Scholz & Friends Urheber?

Hamburg. Sie sind die Lieblingsseiten von Konservativen und Merkelgegnern, von Liberalen wie Rechten. Auf den Internetseiten der Blogs „Achse des Guten“ und „Tichys Einblick“ steht, was viele Leser gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien oft vermissen: Bissige Kritik an der Flüchtlingspolitik findet sich dort genauso wie Linken-Bashing, wirtschaftsliberale Plädoyers wie Zweifel am Klimawandel und Polemiken gegen den Islam(ismus). Manches ist klug, manches schwer erträglich, alles ist extrem pointiert. Hinter den Blogs stehen die anerkannten Journalisten Roland Tichy, langjähriger Chefredakteur der „Wirtschaftswoche“, oder bei der „Achse des Guten“ Henryk M. Broder und Dirk Maxeiner. Vielen Linken sind sie ein Dorn im Auge. Immer wieder geraten Texte der Webseiten wegen ihren Rhetorik und ihres vermeintlichen Hangs zu Ressentiments in die Kritik.

Und doch wirkt das Vorgehen eines Mitarbeiters von Scholz & Friends wie ein Angriff auf die Pressefreiheit. Er ruft zu einem Anzeigenboykott auf – das klingt harmlos, entfaltet aber in Zeiten des Internets ungeheure Wucht. Natürlich soll jeder Anzeigenkunde selbst entscheiden, wo er Werbeplätze bucht – unter dieser Freiheit leiden übrigens gerade explizit linke Publikationen.

Im Internet aber ist die Anzeigenbuchung längst automatisiert – hier werden Werbeplätze nach der gewünschten Zielgruppe technisch gebucht und automatisiert ausgespielt. Damit keine Werbung in einem unappetitlichen Umfeld erscheint, führen Agenturen und Firmen schwarze Listen. Nur was passiert, wenn diese schwarzen Listen politisch instrumentalisiert werden? Wenn im Kampf gegen rechte Seiten wie Breitbart, Compact oder PI-News auch konservative Seiten gesperrt werden?

Konservative Webseiten waren plötzlich abgeschnitten

Der Urheber der Aktion #keingeldfürrechts fragt auf seiner inzwischen passwortgeschützten privaten Website: „Wenn du für eine Marke oder eine Media-Agentur arbeitest: Schau dir noch einmal sehr genau an, ob die „Blacklist“ gepflegt ist und ob man Seiten, auf denen man sicher nicht zu finden sein will, auch nicht zu finden ist. Das ist natürlich nicht nur im Sinne der Political Correctness wichtig, sondern durchaus auch bei der Frage, was die Zielgruppe denken soll. Die findet so was nämlich sicher im Wahljahr 2017 wichtig.“ Und weiter: „Sollte dich deine Karriere in einer Media-Agentur etwas höher gebracht haben, könnte man das Thema ja vielleicht mal beim nächsten Media-Miteinander mit Kollegen ansprechen. 2017 ist Wahljahr. Ihr, liebe Kollegen, habt durchaus mit in der Hand, wer unsere Werbedollars bekommt.“ Der Mann hinter der Idee ist Gerald Hensel, Strategie-Manager der Agentur Scholz & Friends. Ist das noch der ehrenwerte Kampf gegen rechts – oder doch schon der Beginn der Inquisition? Wo fängt sie an, wo hört sie auf?

Für die betroffenen Webseiten war sie ein Schlag ins Kontor. „Wir haben einen massiven Werbeeinbruch erlebt“, sagt Roland Tichy von „Tichys Einblick“ dem Abendblatt. „Das war existenzbedrohend.“ Und fügt hinzu: „Es muss allen klar sein, dass Boykott, Verleumdung und Denunziation kein Mittel der politischen Auseinandersetzung sind.“

Interessant: Hensel hatte „Tichys Einblick“ weder in seinem Blog erwähnt, noch für die Blacklist vorgeschlagen. Offenbar greifen im Kampf gegen rechts Automatismen: So wacht etwa das Projekt „Netz gegen Nazis“ der gemeinnützigen Amadeu Antonio Stiftung und „Zeit.online“ über echte oder vermeintliche „digitale Hassquellen“ – hier fand sich vorübergehend neben der „Achse des Guten“ auch „Tichys Einblick“.

Dirk Maxeiner von der „Achse des Guten“ berichtet, dass die eigene Anzeigenagentur „stapelweise E-Mails von Agenturen und Unternehmen“ bekommen habe, die ihre Anzeigen nicht länger auf der „Achse des Guten“ platziert sehen wollten. „Nicht ein paar der bisherigen Kunden. Alle. Wir sind jetzt ,blacklistet‘, so nennen sie in den Agenturen ganz ungeniert das Anlegen von schwarzen Listen“, klagt Maxeiner. Und weiter: „Muss man in Deutschland Angst haben, seine Meinung kundzutun? Vor einer Woche hätte ich noch gesagt: Nein. Heute lautet meine Antwort: Ja. Man sollte vorsichtig sein. Zumindest derjenige, der die Hypothek vom Reihenhaus noch nicht bezahlt hat.“

Doch auch die „Achse des Guten“ mit ihren 500.000 Lesern und drei Millionen Seitenaufrufen im Monat versteht viel von PR. Wortgewaltig wehren sich Broder & Co. gegen das „Denunzianten-Gate“. Sie schießen gegen den Urheber der Aktion und laden ständig nach. Dabei rückt der Arbeitgeber, die Agentur Scholz & Friends, als „Scholz and Gesinnungsfreunde“ in den Fokus. Verschwörungstheorien machen die Runde: Die Agentur arbeite doch für die Bundesregierung ...

Der Shitstorm kann da kaum überraschen: Auf Facebook zählt die Hamburger Agentur 40.000 Reaktionen - zum ganz großen Teil negative. Die Postfächer quellen über von Hetzmails, Hensel erhält Morddrohungen, Mitarbeiter wie Kunden werden unter Druck gesetzt. Nach Tagen der Zurückhaltung meldete sich gestern Vorstand Stefan Wegner zu Wort. „Scholz & Friends hat sich die Initiative #keingeldfürrechts nicht ausgedacht und sie auch nicht unterstützt“, stellt er klar. „#keingeldfürrechts ist provokant und hat an einigen Stellen unnötig provoziert.“ Von der starken Resonanz der Aktion seien das Unternehmen wie der Initiator überrascht. Wegner zitiert einen Satz von Tichy: „Demokratie ist eine ständige, gegenseitige Zumutung“, und fügt hinzu: „Für uns waren die vergangenen Tage so eine Zumutung.“

Tichy selbst sagt: „Damit ist es ausgestanden. Ich bin niemand, der nachtritt.“ Er kann in dem Boykottaufruf sogar etwas Positives sehen, ein „Licht in der Dunkelheit“: „Wir haben viele Spenden erhalten und Hunderte neuer Förderer gewonnen.“ Auch neue Abonnements des Magazins „Tichys Einblick“ hätten die Vorwürfe ausgelöst.

Es scheint, als sei der Schuss der Aktivisten nach hinten losgegangen.