Hamburg

Ein Held der Literatur erobert die Bühne

Die traurige Gestalt mit Nudelsieb auf dem Kopf: „Don Quijote“ in einer überzeugenden Drama-Version im Altonaer Theater

Hamburg.  Das Volkstheater erlebt seit Längerem eine Renaissance auf der Bühne. Auch Regisseur Michael Bogdanov besinnt sich auf dessen Qualitäten in der gelungenen und einfallsreichen Version von „Don Quijote“ nach dem Roman von Miguel de Cervantes am Altonaer Theater. In schöner Shakespeare-Tradition lässt er die Handlung von einer Truppe Wanderschauspieler anlässlich des 400. Todestages des spanischen Autors aufführen. Birgit Voß hat hierzu eine kleine ländliche Bühne auf der Bühne gebaut, im Hintergrund das archetypische Windmühlenbild.

Götz Otto gibt mit Spitzbart, wirrem Grauhaar und in kurzer Hose den alten Alonso. Wie er über das Lesen von Ritterromanen in Verzückung gerät und fortan Riesen niederstrecken und Jungfrauen in Bedrängnis retten will, ist anrührend zu sehen. Welche Macht sich doch in der Kunst verbirgt! Sie treibt den Melancholiker zu großen Zielen und hohen Idealen. Vorbei die Zeit der Gelage und des puren Genusses. Aus Alonso wird – mit Putzlappen und Nudelsieb auf dem Kopf – Don Quijote, Ritter von der traurigen Gestalt, der zu Abenteuern – und noch mehr Missgeschicken – aufbricht.

Begleitet wird er von seinem treuen Gefährten Sancho Panza, den Karsten Kramer hier mit wahrer Bauernschläue und tollem Gespür für Komik und Slapstick ausstattet. Zwei Besenstiele werden kurzerhand zu Pferd und Esel. Das klingt albern, ist aber auch für die Zuschauer ein kindliches Vergnügen. Der von seiner Umwelt naturgemäß für verrückt erklärte Don Quijote hat in Sancho Panza einen insgeheim patenten Diener, der ihn aus manch misslicher Lage errettet. Es entwickelt sich eine nicht ganz zweckfreie Männerfreundschaft buchstäblich durch dick und dünn.

Von den zehn Schauspielern übernehmen sieben ganze 41 Klein- und Kleinstrollen. Herrlich ist ihre exakt getimte Verwandlung zu beobachten. Vom Fürsten zur fülligen Dame mit notdürftig verborgenem Bartwuchs und zurück. Bühnenbilder entstehen und vergehen im Nu aus einem Dutzend Bambusstäbe, die mal als Wäscheleine, mal als Trage, mal als Sitzgelegenheit fungieren. Die Kunst der Einfachheit siegt in dieser Inszenierung über großem Pomp und macht sogar Action-Kampf-Szenen möglich. Für authentische Atmosphäre sorgt nebenbei auch Antonio Fernandez, der auf seiner Gitarre am Bühnenrand sanfte Flamenco-Klänge beisteuert.

Vor allem aber funktioniert Bogdanovs Textfassung, die auf derb-volkstümlichen Ton und spielerische Commedia dell’arte-Momente setzt, ohne je in falsches Pathos abzudriften. Keine Sekunde wirkt das Geschehen altertümelnd oder inaktuell. Die Frauen sind hier keine holden duldsamen Wesen, sondern ganz schön derbe Biester, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Alexandra Kamp etwa stattet ihre Aldonza Lorenzo, die Don Quijote zu seiner Prinzessin und Muse Dulcinea verklärt, mit herbem, bäuerlichem Charme aus.

Idealisten, Sucher nach Wahrheit und Gerechtigkeit haben es bekanntlich nicht nur zu Cervantes’ Zeiten, sondern bis heute schwer in der Welt. Gleichwohl werden sie dringend benötigt, wenn überhaupt eine positive Vision vom Zusammenleben entstehen soll. Und so geht die Geschichte auch für Don Quijote nicht gut aus, vor allem, nachdem er an ein Fürstenhaus geraten ist, das sein sanftes Gemüt für böse Scherze ausnutzt. „Die Welt kennt viel zu viele Zaungäste, die das Übel stillschweigend dulden. Ich möchte nicht zu einem der Ihren gezählt werden“, sagt Don Quijote in einem erschreckend aktuellen Satz. Auch wenn es ihm nach eigener Aussage nicht gelungen ist, die Welt durch Liebe zu erlösen, er hat es immerhin versucht.

„Don Quijote“ weitere Vorstellungen bis 8.1., Altonaer Theater, Museumstraße 17, Karten zu 17,- bis 35,- unter T. 39 90 58