Hamburg

Grandiose Saisoneröffnung auf Kampnagel

| Lesedauer: 3 Minuten
Annette Stiekele

Jérôme Bels Arbeiten werden mit Erfolg in aller Welt gezeigt. Jetzt feierte die Show „Gala“ in Hamburg Premiere

Hamburg. Beim Wort „Gala“ denken wir an den großen Auftritt, an Glitzer und Glamour. All das ist an diesem Abend auf Kampnagel zur großen Saisoneröffnung mit „Gala“ des französischen Choreografen Jérôme Bel auch irgendwie vorhanden, und doch ist an dieser Show vieles sehr anders. Die Bühne der großen Halle ist leer. Eine junge Frau schiebt ein Pappschild durch den Vorhang. „Ballett“ steht darauf zu lesen. In der Bühnenmitte legt sie eine halb geglückte Drehung nach rechts und nach links hin – und geht ab.

Weitere Soloauftritte folgen. Insgesamt 20 Tänzerinnen und Tänzer führen die Übung aus, einige sehr gekonnt und als Profis erkennbar, die meisten als offensichtliche Laien. Und doch ist hier kein peinlich zur Schau gestellter Dilettantismus zu bestaunen, sondern eine höchst kunstvoll umgesetzte Idee: Jeder Körper ist schön und offenbart im Raum sein individuelles Bewegungspotenzial. Auf der Bühne ist die größte vorstellbare Vielfalt und Buntheit versammelt, bei der es die derzeit lautstarken Verfechter uniformer Gesellschaftsmodelle wohl grausen würde.

Das kleine blonde Mädchen trägt Blau. Die rüstige 84-Jährige hat lustige Schleifen um ihre Handgelenke. Ein großer Mann mit unübersehbarem Bauch tanzt im rosa Tutu samt Glitzerstirnband. Die junge Frau mit Downsyndrom bewegt sich langsam und akkurat. Und der große schwarze Mann mit Rastalocken blickt lässig verschmitzt ins Publikum. Sie alle, auch der Rollstuhlfahrer, finden sich zu Strauss’ „An der schönen blauen Donau“ zum Walzertanz zusammen, präsentieren die Kunst der Verbeugung und legen im Rückwärtsgang Michael Jacksons berühmten „Moonwalk“ hin.

Die Gala hängt keine Sekunde durch. Es gibt immer etwas zu bestaunen. Von dieser selbstverständlichen Vielfalt an Farben, Formen, Alter und sexueller Orientierung geht ein Zauber aus. Die „Gala“ feiert hier nichts weniger als die menschliche Existenz an sich. Da gibt es kein Oben und Unten, kein Besser oder Schlechter. Die Idee des bildenden Künstlers Joseph Beuys, dass jeder Mensch ein Künstler sei, hier wird sie getanzt. Für die Zuschauer ist das ein großer unterhaltsamer Spaß.

Jérôme Bel, der klug Erwartungshaltungen des Publikums unterlaufende Tanzvordenker, treibt damit die Idee seiner Erfolgsproduktion „Disabled Theatre“ weiter, auch sie gastierte auf Kampnagel. Die Show tourt mit sensationellem Erfolg zwischen Brüssel und Singapur. Überall lässt er nach einem streng ausformulierten Konzept die Theater das Showpersonal casten. Und das ist Kampnagel wirklich toll geglückt. Bekannte Gesichter der Freien Szene sind ebenso dabei wie mancher Kamp-nagel-Stammgast, der hier seine fünf Minuten Ruhm und ordentlich Szenenapplaus genießt.

Nach den Soloauftritten formieren sich die Teilnehmer zu großen Gruppentableaus, und man sieht die Anstrengung in ihren Gesichtern, während sie die Bewegungen eines Vorturners nachvollziehen – von der sehr gekonnten Roboterimitation bis zur atemberaubenden Reifennummer.

Diese „Gala“ weist über den reinen Tanz hinaus auf eine gesellschaftliche Vision, von der die Welt derzeit weit entfernt scheint. Für 90 furiose Minuten ist sie zumindest auf der Bühne Realität geworden.

Jérôme Bel: „Gala“ Sa 8.10., 20.00, Kamp-nagel, Jarrestraße 20–24, Karten 12,- bis 32,- unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de