Sommerfestival

Kampnagel: Kettenreaktion auf der Tanzbühne

| Lesedauer: 3 Minuten
Annette Stiekele
Tanzstück „Tenir le temps“: Wenn einer
fällt, dann fallen alle

Tanzstück „Tenir le temps“: Wenn einer fällt, dann fallen alle

Foto: Patrick Imbert

Beim Sommerfestival auf Kampnagel wird ab Donnerstag „Tenir le temps“ gezeigt. Es geht um die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft.

Hamburg.  Das Sommerfestival auf Kampnagel ist in der letzten Woche. Und weil das Publikumsinteresse in diesem Jahr teilweise so enorm war, wurden einige Zusatzvorstellungen angesetzt. So gibt es am 28. August (20 Uhr) nochmals „Die Macht der Musik“ von Jan Plewka und Tom Stromberg, bereits am 27. August (18.30 Uhr) läuft noch einmal Ursula Martinez’ „My Stories, Your Emails“.

Zunächst aber steht noch eine wichtige Premiere an: Der französische Choreograf und Tänzer Rachid Ouramdane sucht sich immer spezielle Themen, die ihn interessieren, und erst dann die passenden Akteure. Er besaß nie eine eigene Compagnie, arbeitete aber bereits mit körperlich Versehrten, mit Boxern, mit Folteropfern, mit Laien und mit Schauspielern. Gesellschaftspolitische Brüche sind es, die den Sohn algerischer Einwanderer umtreiben. Da nimmt es eigentlich wunder, dass sein neues Stück „Tenir le temps“, das er gemeinsam mit Mitgliedern des Centre Choréographique National de Grenoble erarbeitet hat, überaus ästhetisch, stilvoll und sehr tänzerisch daherkommt. Vom 25. bis 27. August gastiert das Stück beim Festival. Sehr abstrakt und deshalb ungewöhnlich für ihn sei das Stück, erzählte Rachid Ouramdane am Rande des diesjährigen Tanzkongresses in Hannover, dessen Jury „Tenir le temps“ bereits in seine Jahresbestenliste aufgenommen hat.

Ouramdane verarbeitet darin das klassische Phänomen des Domino­effekts. Es folgt dem immer gleichen Prinzip: Das Verhalten des Einzelnen löst eine Kettenrektion aus. Dahinter stehen bei Ouramdane aktuelle Fragen nach Individuum und Gemeinschaft. „Wie kann der Einzelne in diesem System persönliche Freiräume finden? Wie ist harmonisches Zusammenleben in einer Gemeinschaft möglich?“ Es sind solche Fragen, die Ouramdane stellt.

Bewegungen sind bewusst einfach gewählt

Seine 15 Tänzerinnen und Tänzer geben dieser Mechanik und den philosophischen Fragen in einem dreiteiligen Abend Ausdruck. Es existiere eine „kollektive Intelligenz“, erklärt der Choreograf. Sie sei eigentlich harmonisch organisiert, breche dann aber auseinander, zermalme sich geradezu selbst. „Einige Tänzer tun sich zusammen, andere werden ausgestoßen.“ Klingt ganz wie dem wirklichen Leben abgeschaut.

Der Zuschauer sieht Körper, die sich verausgaben, andere, die sich unterwerfen, während wieder andere sich erheben. Die Bewegungen sind von Ouramdane bewusst einfach gewählt, für ihn zählt der Gesamteindruck. Und der ist gewaltig, entwickelt einen Sog, zieht ins Geschehen hinein, lässt vielleicht sogar über physikalische Gesetzmäßigkeiten nachdenken. Der schlichte, weiße Raum, in dem das Stück spielt, funktioniert wie eine Leinwand. Die minimalistische, an Steve Reich („Music For 18 Musicians“) angelehnte Musik des Komponisten Jean-Baptiste Julien setzt das mechanische Prinzip von „Tenir le temps“ akustisch um.

Er wolle „das Wort mit dem Körper ergreifen“, sagt Ouramdane. Und: „Für mich ist Tanz eine ernste Sache.“ Tatsächlich ist die Ernsthaftigkeit, mit der er sich des Themas angenommen hat, bei dieser Choreografie stets spürbar.

Rachid Ouramdane: „Tenir le temps“ 25./26.8., jeweils 20.30, 27.8., 19.30, Kamp­nagel, Jarrestraße 20, Karten zu 12,- bis 36,- unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de