Hamburg

Beethovens Neu(nt)e

Gedenkkonzert für Nikolaus Harnoncourt: Concentus Musicus Wien deutet beim Epilog zum "Freiheit"-Musikfest den Klassiker radikal um

Hamburg.  Am Hauptbahnhof dieser Stadt, hineingeschraubt zwischen prächtigen Museen und einem prächtigen Staatstheater, werden Menschen, für die mancher Zug längst ohne sie abgefahren ist, mit klassischer ­Musik vom Vorplatz gescheucht. Vielleicht verirrt sich hin und wieder sogar etwas Feinherbes von Brahms, dem ­geliebten Hamburger Ehrenbürger, in diese beschämende Playlist. Am Hafen ist ein Konzerthaus so gut wie betriebsbereit, dass alles in allem weit über 800 Millionen Euro gekostet haben wird. In Schulen dieser Stadt ist guter Musikunterricht mitunter nur noch ein vernachlässigtes Zonenrand­gebiet der Bildungs­absichten, die auf windschnittige Optimierung geeicht sind. So ist das hier bei uns, im Norden an der Elbe.

Und während das so ist, kommt im ach so altehrwürdigen Großen Saal der Laeiszhalle ein Orchester aus Wien als Epilog und letzte steile Herausforderung des diesjährigen Musikfests mit seinem Motto "Freiheit" auf die Bühne und spielt Beethovens Neunte. Und das Leben hier bei uns ist, zumindest eine gute Stunde lang, nicht mehr ganz dasselbe. Denn gespielt wurde die Neunte nicht als flauschiges Wellness-Präsent an die Stammkundschaft solcher Konzerte, sondern als Gegengift-Portion, als Versprechen und Provokation, als Grundsatz-Fragen: Was geht uns das alles an, im Hier und Jetzt dieser Stadt? Warum spielen wir so und nicht anders, warum tut ihr euch das an?

Ausgerechnet diese Neunte, die dröhnend Durchgenudelte, die längst Leergelutschte, die Weichgespielte und Sattgehörte. Vom ersten Einsatz an, bei dem die Quinte als Urknall dieser Symphonie metallisch scharf, als erlösender ­Abgrund klaffte, passierte Erstaunliches bei diesem Konzert. Ein Sprengsatz, mit einer erzieherischen Strenge und einer Lust am liebevoll ruppigen ­Anderssein, die keinen Takt schwächelte und keine Kompromisse machte. Ausgerechnet der Concentus Musicus Wien, die forschsten aller Quellenforscher der historisch informierten Aufführungspraxis, verabreichte diese Lektion. Tragischerweise war das Orchester ohne seinen Gründer und Charakterformer Nikolaus Harnoncourt angereist, der im März mit 86 gestorben war und dessen Künstler-Testament auf zwei Worte zu komprimieren wäre: Unbequem bleiben.

Ein Konzert als moralische Anstalt war zu erleben, vier Sätze eines Lehr-Stücks, das radikal auf links gedreht und Takt für Takt kritisch hinterfragt wurde, um nicht im leicht verdaulichen Brei der Gewohnheiten herumzurühren. Wie genau der Barock-Spezialist Diego Fasolis, als ­musikästhetischer Nachlassverwalter Harnoncourts vor dem Freigeist-Kollektiv stehend, das gemacht hat, blieb an diesem Abend sein Geheimnis. Wahrscheinlich steckt es tief in der DNA dieses Orchesters, so tief, dass es hoffentlich noch lange über Harnoncourts Tod hinaus wirkt und nachhallt. Jedenfalls verschoben sich unentwegt die klanglichen Proportionen ins Überraschende.

Nebenstimmen, Motivverläufe und Steigerungsbögen schimmerten durch, die, so gehört, geradezu brandneu wirkten. Mit gerade mal drei Kontrabässen und wohldosierten höheren Streichern war schon dieser Teil der Besetzung alles andere als üppig. Daneben blieben auch die Holzbläser durch das historische Instrumentarium am liebsten im Zwischenreich der klug dosierten Dezenz, wo man sie stellenweise eher ahnte als hörte. Das hatte auch seinen Reiz, weil es zum punktgenaueren Hinhören zwang. Breitwand-Beethoven in Bataillonsstärke sollen andere verbrechen, signalisierte dieser Ansatz.

Doch dieser kluge Umgang mit dem Material war nur ein Aspekt dieser am Ende hochverdient umjubelten Aufführung. Der andere war philosophischerer Natur. Fasolis legte sehr flotte, aber nie hektisch eilende Tempi vor und hielt sie auch durch, ohne dadurch übereifrig aus der Kurve getragen zu werden. Der zweite Satz hielt gerade noch die Spur, beim Adagio des dritten blieb die Pathos-Tube ungedrückt. Und im Finale brach sich von Anfang an der Wille zum Markigen seine Bahn. Celli und Bässe schrubbten grimmig das erste Thema in die Welt. Und dann das nächste. Und dann setzte der prächtige Arnold-Schönberg-Chor ein, der seinen Part natürlich auswendig kann, und nach und nach das erstklassig zusammengestellte Solistenquartett (Genia Kühmeier, Wiebke Lehmkuhl, Steve Davislim, Luca Pisaroni), das sich mit dramatischer Inbrunst über Schillers Ode freute.

All das zusammen ergab Musik, die mehr sein konnte als Musik. Die letzte Portion des diesjährigen Hamburger Musikfests betonte damit auch, wie einige Konzertabende zuvor, wie wichtig das ständige Umparken im Kopf ist.

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