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In seiner Comeback-Sendung streift Jan Böhmermann das Thema Erdogan gewohnt satirisch und stellt RTL bloß

Hamburg.  Gespannte Erwartungen mal eben lässig erfüllt, aber ganz anders als gedacht: Von der Erdogan-Affäre redete nach der ersten „Neo Magazin Royale“-Sendung nach vier Wochen vorübergehend niemand mehr, als Jan Böhmermann sein RTL-Trash-Enthüllungswerk gezeigt hatte.

Die Demaskierung der ihre Teilnehmer grundsätzlich verächtlich machenden Sendung „Schwiegertochter gesucht“ war so gelungen, dass Böhmermanns Fans die Aktion sofort im Netz feierten. Auch Studiogast Gregor Gysi lobte den nach Moderatorin Vera Int-Veen benannten „Verafake“, ehe er zum von Böhmermann weitgehend ignorierten „Schmähgedicht“-Tadel ansetzte. Das gehörte zur Taktik und zur Inszenierung: beim Komplex „Erdogan“ sauber alles auf vorsichtig und auf vorauseilenden Gehorsam trimmen.

Im Hinblick auf Böhmermanns Ironie-Technik, mit der er, künstlerisch gesehen, wirklich immer ins Ziel kommt, war das Comeback brillant. Da macht es auch nichts, dass die Gepflogenheiten bei Sendungen wie „Schwiegertochter gesucht“ jedem klar sein müssten. Das die Vorgehensweise des notorischen Einschleusers Günter Wallraff (der neuerdings für RTL arbeitet!) imitierende „Team Royaleraff“ stellte mit seiner Erfindung des „einsamen Eisenbahnfreunds Robin“ samt Faible für Schildkröten RTL richtig schön bloß. Sowohl „Robin“ als auch dessen angeblichen Vater „René“ präsentierte Böhmermann triumphal in seiner Sendung. Und wenn man so will, war „Verafake“ insgesamt trotzdem aufklärerisch.

So dreist hätte man sich das Vorgehen der Sendungsmacher insgesamt dann eben doch nicht vorgestellt: Beim Besuch des gefälschten Vater-Sohn-Gespanns in einer „Duisburger Assi-Wohnung“ mussten die Show-Teilnehmer nicht einmal ihre Personalausweise vorlegen. Und die Aussage des „Vaters“, er trinke am Tag „acht Bier“, wurde von den RTL-Mitarbeitern nicht unter die Diagnose „Alkoholismus“ verbucht. Andernfalls würde der Freakshow „Schwiegertochter gesucht“ ja ein Verhaltensauffälliger entgehen, muss man da wohl zynisch feststellen.

Der Kölner TV-Sender sah sich am Freitagnachmittag dann gezwungen, nach all der Häme in den sozialen Netzwerken („RTL ist der VW unter den Fernsehsendern“) zu reagieren – das aber reichlich halb gar. Bei der Produktion „einer Folge“ sei die redaktionelle Sorgfaltspflicht vernachlässigt worden, hieß es aus Köln.

Personelle Konsequenz deswegen: Die Produktion der aktuellen Staffel wird laut RTL von einem neuen Team übernommen.

„Respekt an Herrn Böhmermann“, erklärte RTL. Man sei „ihm komplett auf den Leim gegangen“, denn er habe „uns einen sympathischen Schwiegersohn präsentiert“. Der Sender räumte außerdem ein, dass die Produktionsmitarbeiterin einen Fragebogen falsch ausgefüllt habe, als es um den Alkoholkonsum eines der eingeschleusten Protagonisten gegangen sei. Auch die konkreten Vorgaben, was der angebliche Single vor der Kamera sagen sollte, seien ein Fehler gewesen.

Interessant auch die RTL-Einlassung auf den von Böhmermann erhobenen Vorwurf, die Kandidaten der Sendung erhielten lediglich eine Aufwandsentschädigung von 150 Euro für ihre Teilnahme. Da hieß es, bei einer höheren Summe wäre den Schauspielern, die angegeben hätten, arbeitslos zu sein, das Arbeitslosengeld gestrichen worden.

Kein Wort zur impliziten Show-Agenda, wonach die Sendung dann besonders gelungen ist, wenn sich die Teilnehmer maximal zum Affen machen. Für Böhmermann, der sich das Attribut „Aktionskünstler“ gerne gefallen lässt, war die RTL-Nummer so oder so ein Schritt in Richtung Normalität.

Die Rückkehr vom „Neo Magazin Royale“ haben am Donnerstagabend durchschnittlich 620.000 Zuschauer gesehen, rund 250.000 mehr als beim bisherigen Bestwert. Sonntag startet Spotify den neuen wöchentlichen Podcast „Fest & Flauschig”, in dem Böhmermann und Olli Schulz über aktuelle Themen sprechen. Ebenfalls am Sonntag (22 Uhr) zeigt der WDR seine „Zimmer Frei“-Folge mit Jan Böhmermann. Sie wurde vor der Causa Erdogan aufgezeichnet.