Theaterpremiere

Schorsch Kamerun auf sinnlicher Suche nach Gemeinschaft

| Lesedauer: 3 Minuten
Birgit Reuther
Schorsch Kamerun, Regisseur, Musiker und Mitbegründer des Golden Pudel Clubs, inszeniert „Die disparate Stadt“

Schorsch Kamerun, Regisseur, Musiker und Mitbegründer des Golden Pudel Clubs, inszeniert „Die disparate Stadt“

Foto: Andreas Laible

Regisseur Schorsch Kamerun feierte mit seiner Theaterperformance „Die disparate Stadt“ Premiere im Malersaal.

Hamburg.  Wie lässt sich ein Ort gestalten, an dem wir leben? Eine Stadt etwa. Oder ein Theater. Und wie bewegt sich der Mensch darin? Als Einzelner? Und als Gemeinschaft? Fragen wie diese drängen sich auf beim Besuch der Theaterperformance „Die disparate Stadt“, die jetzt im Malersaal des Schauspielhauses Premiere feierte.

Schorsch Kamerun – Musiker, Regisseur, Subkultur-Aktivist – erkundet in seinem gut einstündigen, sinnlichen Happening aus Sprache, Sound und Spiel, wie ein Disparat entstehen könnte. Ein „gesellschaftlicher Superorganismus“, in dem Individuen miteinander kooperieren, ohne aber durch Regeln übermäßig kontrolliert zu werden. So erklärt es das Programm. Und so fühlt es sich bereits vor dem Beginn an.

„Hoffentlich ist das nicht so’n Mitmach-Stück“, sagt eine Frau am Einlass. Die Antwort: jein. Partizipation auf Krampf: nein. Sich in der Inszenierung frei bewegen können: unbedingt. Die sanfte Herausforderung beginnt, indem der Zuschauer selbst entscheidet, ob und wie viel Eintritt er zahlt. So schließt diese Kunst jede Art von Eliten-Bildung, von „Plätze sichern“ aus.

Kamerun inszeniert ein schräges Panoptikum

„Wenn die Türe aufgeht, seid Ihr im Stück“, sagt eine Hostess im Fantasiekostüm. Durch einen Gang flaniert das Publikum hin zum Saal. Entlang an Text-Fragmenten, die frisch an die Wand gepinselt werden. Botschaften, die das Spannungsfeld Stadt umreißen, so wie es der Untertitel des Stücks eröffnet: „Kühne Widerspenstigkeit oder bequeme Touristenattraktion?“ Wann ging wer auf die Barrikaden? Eine Überforderung, die sich im Foyer fortsetzt. In einer Ecke spielt eine Band. Kamerun singt eine Ode auf das Vaterland, die dissonant klingt. Auch die übrigen Figuren, die das Terrain bespielen, bezeugen: Hier ist etwas aus der Form geraten, aus der Norm gekippt.

Ein Mann mit Pappmaschee-Kopf schenkt Drinks aus. Rollschuhfahrerinnen im 30er-Jahre-Look ringen. Eine Tänzerin bringt sich am Geländer in Schieflage. Ein schräges Panoptikum. Und eines, dass auf gelebter Teilhabe beruht. Denn Kamerun aktiviert für seine Inszenierung nicht nur Schauspieler, sondern auch Akteure aus der Stadt, etwa von den Hallo-Festspielen.

„Leben im Selbstwiderspruch“

Drinnen dann: keine Sitzreihen, stattdessen ein Quarree, in dem Paletten kreuz und quer immer wieder neu gestapelt werden, bis das Publikum das theatrale, urbane, utopische Areal besiedeln darf. Um zu schauen und zu lauschen. Surreal anmutenden Chansons etwa. Und Texten, die von Ausbeutung, Aufmucken und Ambivalenzen handeln. Von einem „Leben im Selbstwiderspruch“, wie es ein Chor besingt.

Maskierte bewegen sich unter den Besuchern. Ein Gespenst geht um. Eine Schere schreitet akkurat. Ein Affe laust sich. Doch allzu lange darf das Publikum in dieser Welt nicht verweilen. Arbeiter schichten die Paletten um, errichten eine rechtwinkelige Trutzburg. Die Gäste werden aus der soeben bezogenen Heimat vertrieben. Sie stehen etwas ratlos umher, werden hin- und hergerissen zwischen Haltungen. Ein König (Carlo Ljubek) freut sich zynisch über die neu aufsteigende Ordnung, über den Wunsch nach einer starken führenden Hand. Eine Aktivistin (Anne Müller) plädiert für Empathie, für Verschmelzung: „Ich wünsche allen Menschen, den Kopf frei zu tragen.“ In diesem Geiste führt zum Abschluss eine bunte Prozession in die Bar Chez Malik hinter dem Schauspielhaus.

„Die disparate Stadt“ 7.–9.3.; schauspielhaus.de