Konzert in Hamburg

Filmkomponist Hans Zimmer ist der Meister des Kopfkinos

Seine Profession ist die konsequente Unsichtbarkeit: Hans Zimmer, Komponist von Filmmusik

Seine Profession ist die konsequente Unsichtbarkeit: Hans Zimmer, Komponist von Filmmusik

Foto: Steve Gillet

Er ist der bekannteste lebende Filmkomponist. Demnächst geht er mit seinen Werken auf Europatournee, im April ist Zimmer in Hamburg.

London.  Bunte Ringelsocken, während der Rest der Kleidung schwarz ist und bequem geschnitten und alles andere als filmstarmäßig. Das ist, so skurril es auch klingt, das Erste, was auf kurze Distanz an Hans Zimmer auffällt. Was ganz bestimmt nicht daran liegt, dass der Deutsche seit Jahrzehnten in Hollywood einer der Ersten ist, dessen Kontaktdaten Produzenten sich geben lassen, wenn es ums effektvolle Vertonen millionenschwerer Popcornkino-Filmen geht. Doch Zimmers Markenzeichen ist nun mal die konsequente Unsichtbarkeit, bis es nach dem Abspann wieder hell wird und der Zuschauer aus dem Kino zurück ins Leben entlassen wird. So gesehen, sind die Ringelsocken schon ein ziemlich knallender Kontrast.

Zimmer ist der Mann, der im Dunkel bleibt, dessen Filmmusik die Film-Bilder und Visionen anderer zum Fliegen bringen soll. Das kann mal gekonnt bei Wagners „Götterdämmerung“ durchgepaust sein wie in „Gladiator“, mal so finster wie eine Winternacht mit Schopenhauer-Lektüre, bei seinen Arbeiten für Christopher Nolans „Batman“-Passionen. Weit mehr als 100 Soundtracks hat der 58-Jährige, der in Frankfurt in einer gutbürgerlichen Familie aufwuchs, im bisherigen Lebenslauf, und es werden jährlich mehr; zunächst klingt das nach wahnwitzig viel, ist aber geradezu lächerlich faul, wenn man weiß, dass Zimmers größtes Idol Ennio Morricone es auf mehr als 500 Vertonungen brachte.

Klavierunterricht hatte Zimmer etwa zwei Wochen, von der Schule geflogen ist er sieben Mal, für die normale Arbeitswelt verloren war er mit zwölf, als er „Spiel mir das Lied vom Tod“ sah und vor allem hörte. Mit harmlos lustigen Filmen hatte Zimmer es in jüngster Zeit allerdings eher nicht so. Die nächsten „Fluch der Karibik“-Filme mit Johnny Depp oder sonst wem werden wohl ohne seine Musik auskommen müssen. In Nolans „Interstellar“ dagegen vertonte Zimmer 2014 die metaphysisch dröhnende Stille des Weltraums mit viel Stille und einer alten Londoner Kirchenorgel, als ginge es um einen Gottesbeweis.

Für den Soundtrack zum „König der Löwen“ gab es 1994 einen Oscar. Mit seinen anderen Auszeichnungen könnte Zimmer sich die Eingangshalle seines Studio-Blocks in Los Angeles tapezieren, in dem Dutzende von anfangs namenlosen Akkord-Zuarbeitern an Details feilen. Das hat ein bisschen etwas von Rembrandts Werkstatt, in der sich anonyme Kunstknechte aus dem Keller hocharbeiten mussten. Das Soundtrack-System Zimmer ist enorm effektiv, sehr deutsch, während Zimmers Deutsch, sehr eigen, nach Dauerkalifornier mit einem Rest Londoner Akzent klingt.

Bevor ihn eine Mischung aus Arbeitswahn und Glück nach Hollywood brachte, hatte sich Zimmer in der Underground-Pop- und Werbefilm-Szene Londons in den späten 1970er-Jahren hochgerackert. Dort stellte Zimmer nun auch ein Projekt vor, von dem er wahrscheinlich nicht genau weiß, ob er es von ganzem Herzen mögen oder lieber doch panisch fürchten soll: eine Europatournee mit dem Best-of der eigenen Film-Musik, 18 große Hallen, Dutzende der abgebrühtesten Studio-Musiker, jede Menge Bühnenlichtzauber. Also nicht nur die üblichen billig zusammengeheuerten Ostzonen-Orchester, die klassische Schunkel-Themen aus Kino-Erfolgen nachspielen, sondern der Meister persönlich, an den Keyboards oder auch mal der Gitarre, rührend unbeholfen fremdelnd im Rampenlicht. Dirigieren im klassischen Sinn soll niemand, es wird auch keine Filmausschnitte auf einer Leinwand geben. Unnötig. Das Kopfkino funktioniert für Zimmer-Fans bestens auch ohne Breitwand und 3D. Ist alles auf ihrer Gedächtnis-Festplatte.

Im Herbst 2014 hatte Zimmer, nach viel gutem Zureden, zwei solcher Konzerte in London gegeben. Die Karten seien schon verkauft gewesen, bevor er überhaupt die ersten Anzeigen geschaltet hatte, erzählt Harvey Gold­smith beim Plausch in einer Londoner Hotel-Lobby, während Dutzende von Journalisten aus ganz Europa darauf warten, den einen oder anderen Zimmer-O-Ton zu erhalten und der eng gehäkelte Zeitplan dieser Interview-Folter wegen des Londoner Nebels schon längst im Eimer ist. Goldsmith ist ein ganz Großer im Live-Musikgeschäft. Außer Gott und dessen Zehn Geboten hat er so ziemlich alle und jeden gemanagt und in Arenen gestellt, von den Rolling Stones oder Bruce Springsteen bis „Live Aid“. Für halbe Sachen ist jemand wie er nun wirklich verkehrt. Goldsmith war es wohl auch, der Zimmer dazu brachte, sein Tonstudio-Biotop zu verlassen und mit seiner Musik in fünf Wochen durch zehn Länder zu touren. Falls Zimmers prall gefülltes Auftragsbuch es zulässt, soll daraus auch noch eine Welttournee werden.

Es gibt viele Geschichten darüber, für wie ungesellig sich Hans Zimmer hält und im Normalzustand des manisch Kreativen wohl auch ist. Einer von denen, die Familie, Wochentage und Urlaube locker ignorieren, sobald der nächste Film lockruft. Ein Einsiedlerkomponist, der schon vor dem ersten Drehtag die Rohlinge seiner Ideen parat hat. „Ich fange nicht erst an, wenn der Film fertig ist, sondern wenn der Regisseur den Raum betritt und sagt: Ich erzähle dir jetzt mal eine Geschichte ... Es gibt einfach nichts Besseres. Man weiß, dass das in irgendeinem verrückten Abenteuer endet. Ein Spaß ist das nicht unbedingt, aber auf jeden Fall erfüllend.“

Auf die Frage nach der Angst vor dem Kontakt mit der Fangemeinde kommt von Zimmer ein Satz, der so klingt wie für einen brutal langen Interview-Tag auswendig gelernt, andererseits aber auch wie von einem seiner Kino-Helden geborgt: „Man darf die Angst nicht das eigene Leben beherrschen lassen.“ Außerdem habe sich das Business so dramatisch verändert. „Es ist nichts falsch am guten alten ,Du sitzt da, ich bin hier, du bezahlst und ich spiele für Dich‘“. Lässt sich leicht so bescheiden sagen, wenn „Spielen“ in Zimmer-Dimensionen bedeutet, dass große Chöre und sehr viele Schlagzeuger die musikalische Betriebstemperatur unentwegt nach oben treiben.

Auf Zimmers Selbsteinschätzungs-Skala jedenfalls ist noch einiges an Luft nach oben. Das legendäre Zitat von Richard Strauss über seine „Alpensinfonie“, er habe einmal komponieren wollen, wie die Kuh Milch gibt, mag der Kino-Klassiker Zimmer, der einmal mit dem Kollegen Morricone in Bonn Beethoven-Handschriften bestaunte, einfach so nicht übernehmen. „Ich bin vielleicht der erfolgreichste Filmmusik-Komponist ...“, entgegnet Zimmer, sich leicht amüsiert zur Pointe vorarbeitend, „... bis ich mich hinsetze und den nächsten Score schreiben soll und keine Ahnung habe, wie. Das ist wirklich einschüchternd.“ Viel mehr ist Zimmer über das Erfolgsgeheimnis nicht zu entlocken.

Das lädierte Ablaufprotokoll entschädigt dafür wenig später mit Mitschnitt-Szenen der Londoner Auftritte. Viel Zimmer-Pathos vor allem, aber auch ein Gastauftritt von Pharrell Williams mit dem Welthit „Happy“ aus „Despicable Me 2“. Leicht surreal, einen Film über einen Filmmusiker zu sehen, der darin seine Filmmusik spielt, ohne dass man den Film zur Musik sieht, und das alles in einem kleinen, extrafein eingerichteten Privatkino eines Clubs, tief in Ohrensesseln versunken. Und dann geht das Licht wieder an, und Hans Zimmer huscht nach einigen Momenten Blitzlichtgewitter routiniert aus dem Bild. Zurück in den sicheren Schatten, wo er seine nächsten Geschichten aus Noten hört.

Hamburg-Konzert: 18. April 2016, Barclaycard Arena. Karten zu : € 57,90 bis € 120,90 Euro unter der Abendblatt-Ticket-Hotline T. 30 30 98 98
Die Dokumentation „Revealed“ ist online auf www.hans-zimmer.com zu sehen. Die Reise nach London wurde von Semmel Concerts unterstützt.