Hamburg

Sportlicher Tonumfang, todesmutige Triller

Die Sopranistin Simone Kermes macht in der Laeiszhalle mal wieder ihrem Ruf als Paradiesvogel der Barockszene alle Ehre

Ha.  Im Sommer 2014 bat das Schleswig-Holstein Musik Festival zu einem Konzert der besonderen Art: dem Zickenkrieg zwischen zwei Operndiven des 18. Jahrhunderts, nachgestellt von der Sopranistin Simone Kermes und der Mezzosopranistin Vivica Genaux. Weil Kermes kurzfristig ausfiel, bekam das Publikum „nur“ Genaux zu hören – schwindelerregend virtuos und dabei von hoheitsvoller Coolness.

Das Gegenstück hat Kermes jetzt nachgeliefert: In der Laeiszhalle sang sie, eskortiert vom La Folia Barockorchester, italienische Opernarien des Hochbarock. Mit den Stücken von Porpora, Hasse oder Broschi – die waren damals als Komponisten etwa so berühmt wie ihr Kollege Vivaldi – machte Kermes mal wieder ihrem Ruf als „Ba-Rockröhre“ alle Ehre.

Das Feuerrot ihrer Mähne, ehedem ihr Markenzeichen, hat sie mittlerweile durch ringelblonde Locken ersetzt. Doch allein als sie vor ihrem ersten Einsatz auf die Bühne stöckelte, ging schon ein Raunen durch die Reihen. Der Große Saal als verschworene Fangemeinde, das ist nicht gerade die Regel. Aber welche klassisch ausgebildete Sängerin zieht sich auch während eines solche Abends schon mehrfach um, einschließlich chromfarbener Weltraumschuhe?

Es fiel nicht ganz leicht, den Blick von dieser lustvoll-frech inszenierten Kunstfigur zu wenden, wie sie den Takt trat wie eine Rocksängerin und mit den Armen ruderte, als müsste sie das Orchester mitziehen. Die schnellen Arien mit ihren Perlenschnüren von Koloraturen und riesigen Sprüngen bekamen dadurch etwas leicht Mechanisches, bei allem Respekt vor Kermes’ stimmlicher Beweglichkeit.

Ihre Augen blitzten förmlich vor den Herausforderungen eines „Vedra turbato il mare“ aus Porporas Oper „Mitridate“. Kermes präsentierte einen beeindruckenden Tonumfang. Ihre Tiefe klang voll und tonschön. Ihre allerhöchsten Töne – in einer Gegend, die eine durchschnittliche Sopranistin kaum einmal unfallfrei erreicht – waren ein wenig piepsig, aber das minderte nicht den Effekt ihrer mit Todesmut angesetzten Triller.

Kermes’ wahre Größe indessen zeigte sich nicht in diesen sportlichen Momenten. Sondern in dem erstaunlichen Kontrast zwischen dem stilisierten Äußeren und dem durch und durch echt wirkenden Menschen, der sich zwischendurch in freundlichen, wohlgelaunten Worten ans Publikum wandte und sogar die eigene Aufregung eingestand. Und erst recht in den langsamen Arien wie „Chi non sente al mio dolore“ von Broschi. In diesen innigen Momenten musste Kermes nichts beweisen, da gab sie sich der Musik einfach hin und bezog den ganzen Saal ein.

Dass das Pingpong zwischen höher, schneller, weiter einerseits und melancholisch-weltfern andererseits nicht eintönig wurde, da war auch das Orchester vor. Der Geiger Robin Peter Müller und sein Ensemble trugen jede Menge atmosphärischer Zwischentöne, so aufmerksam, pieksauber und lebendig, wie man es sich nur wünschen kann. Ergab zusammen einen sprühenden Abend. So wollen wir sie, unsere Kermes.