Orchestrale Kammermusik mit erotischem Zauber

Der Klangmagier Esa-Pekka Salonen ließ die NDR Sinfoniker über sich hinauswachsen

Wenn ein Weltstar wie Esa-Pekka Salonen das beste Orchester der Stadt dirigiert: Müsste da die Laeisz­halle nicht bis auf den letzten Platz besetzt sein? Am Donnerstag, beim ersten der beiden Abokonzerte der NDR Sinfoniker mit dem finnischen Gastdirigenten, blieben überraschend viele Sessel leer, und der vermutete Grund dafür schmeichelt der Musikstadt Hamburg nicht. Kein Brahms, kein Bruckner, kein Beethoven, nicht einmal ein Mahler: Da sinkt die Anziehungskraft der klassischen Musik hier offenbar rapide. So sandte man wieder mal ein Stoßgebet gen Himmel, dass der Magnetismus der Elbphilharmonie für sich so stark sein möge, dass sie dereinst immer voll ist, egal, was die Top-Leute der Klassik dort aufführen werden.

Salonen eröffnete den Abend mit einer nicht ganz befriedigenden Wiedergabe von „Eleven Gates“ des Residenzkomponisten Anders Hillborg; viele Details – etwa das Doppelquartett in Abschnitt 9, die wunderbar orchestrierte Passage mit der Harfe in der „Sea-floor Meditation“ oder die gespenstisch gesetzten Holzbläser im letzten Teil – gelangen sehr gut, aber vom Boden kollektiven An-den-Noten-Klebens hob das Orchester da noch nicht ab. Sein Vermögen, die NDR-Sinfoniker auch über Brüche und flexibel gehaltene Tempi hinweg in ein einziges, berückend homogen klingendes Instrument zu verwandeln, bewies Salonen mit der 7. Sinfonie von Jean Sibelius, seiner letzten (die Partitur der Achten warf Sibelius nach 20 Jahren Arbeit daran ins Feuer). In einem einzigen, vielgestaltigen, sich über 20 Minuten erstreckenden Satz scheint Sibelius hier um einen vertrauten Ort zwischen Moderne und Tradition zu ringen. Die Musiker folgten Salonen, dem feingeistig-zarten, jedoch jederzeit zu maximaler Befeuerung bereiten Fahrensmann durch die finnischen Sehnsüchte, geträumten Ekstasen und Gefühlseinsamkeiten, mit fesselnder Präzision.

Die französische zweite Hälfte des Abends erwies sich als weit weniger kontraststark gegenüber dem vermeintlich karg Nordischen des ersten Teils. Wenn die Textverständlichkeit bei J’nai Bridges’ Wiedergabe der üppigen französischen Poeme zu Ravels „Shéhérazade“ an Grenzen stieß, so lässt sich dies kaum der imponierenden Sängerin aus den USA mit dem reichen, süffigen Mezzo vorhalten. Die Melodiebögen sind wie fast abstrahiert vom Duktus des Französischen komponiert. Dafür entfalten sie einen filigran-erotischen Zauber, dem das Orchester ungeachtet seiner Großbesetzung sehr schön sekundierte, als spiele es Kammermusik fürs Chambre séparée. Und Debussys „La mer“ glückte dank der vorzüglich miteinander harmonierenden Musiker und ihres allseits sichtlich sehr geschätzten Gastes am Pult fast so beseelt wie ein Ohrentag am Meer.

Das Konzert wird am Sonntag, 18.10, 11 Uhr, in der Laeiszhalle wiederholt. Karten unter T. 44 19 21 92