Kampnagel-Sommerfestival

Tanzlegende: „Denke nicht, dass die Arbeit noch schockiert“

Die Choreografin Lucinda Childs (75)

Die Choreografin Lucinda Childs (75)

Foto: Douglas Mason

Heute eröffnet US-Tanzlegende Childs mit der Neuinszenierung ihres Meisterwerks „Available Light“ das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel.

Hamburg. Zum Interview muss die Sonne im Hotelzimmer hinter den zugezogenen Vorhängen bleiben. Die US-Choreografin Lucinda Childs hat ihre drahtige Gestalt in eine weiße Bluse und eine schmale Hose gehüllt. Die Kurzhaarfrisur sitzt akkurat. Auch mit 75 Jahren gibt die Vorreiterin des modernen Gegenwartstanzes eine makellos damenhafte Erscheinung ab. Alles an Childs erzählt von Konzentration, Reduktion auf das Wesentliche, Klarheit, Einfachheit.

Eigenschaften, die bis heute den Reiz ihrer Tanzkunst ausmachen. Childs’ Rekonstruktion von „Available Light“ (von 1983!) eröffnet am heutigen Mittwoch als Europapremiere das Internationale Sommerfestival auf Kampnagel. Bereits 2009 hat Childs ihr wegweisendes Werk „Dance“ (1979) neu inszeniert, das auch auf Kampnagel gefeiert wurde. 2012 tat sie sich einmal mehr mit dem Theatermagier Robert Wilson zusammen, um „Einstein On The Beach“ (1976) einer Frischzellenkur zu unterziehen. Was ist so faszinierend daran, ein 32 Jahre altes Stück wie „Available Light“ auf die Bühne zu bringen?

„Es wurde damals sehr kontrovers aufgenommen. Für mich war es eine sehr wichtige Arbeit gemeinsam mit dem Architekten Frank Gehry und dem Komponisten John Adams“, sagt Lucinda Childs mit ihrer feinen, leisen Stimme, in der immer ein wenig Ironie schwingt. „Ich rekonstruiere ja nicht alle Arbeiten meiner 50-jährigen Karriere. Diese möchte ich einer gegenwärtigen Zuschauergeneration zugänglich machen.“ Von „Available Light“ existieren Videofilme aus den 1980er-Jahren von mäßiger Qualität. „Zum Glück habe ich Aufzeichnungen aller Bewegungen“, sagt Childs.

Die Irritation und Verstörung, die das Stück damals wegen seiner Formstrenge bei Kritik und Publikum hervorrief, steht nicht zu erwarten. „Heute kommen die Menschen mit einer Erwartungshaltung. Sie wissen über Gegenwartstanz besser Bescheid. Ich denke nicht, dass die Arbeit noch schockiert“, sagt Childs.

Die Amerikanerin ist jeder Zoll eine starke Künstlerpersönlichkeit. Das gilt auch für Stararchitekt Frank Gehry und den Minimal-Music-Pionier John Adams. Der Zufall führte sie zusammen. Das Museum of Contemporary Art in Los Angeles hatte das Gemeinschaftswerk anlässlich seiner Eröffnung in Auftrag gegeben. „Der Kurator sagte, da sind noch zwei Westküstenkünstler mit im Boot. Ich kannte die gar nicht“, bekennt Childs. „Gehry war höflich und offen, das ist bis heute seine einzige Bühnenarbeit. Auch John Adams hatte noch nie zuvor mit Tanz zu tun gehabt.“ Eine offenbar glückhafte Begegnung, denn Childs und Adams haben noch häufig zusammengearbeitet. Auch das Wiedersehen der drei soll harmonisch verlaufen sein. Die Arbeit ist im Wesentlichen unverändert. Nur dass jetzt eine junge Tänzergeneration in heutigen Kostümen auf der Bühne steht. Die zweigeteilte Bühne Gehrys wurde aus transportablen Materialien errichtet. Adams’ Takt gebende Musik profitiert von moderner Technik.

Lucinda Childs begann mit Modern Dance und wurde Teil der legendären Judson-Dance-Theater-Bewegung, die in den 1960er-Jahren in New York mit gesellschaftlicher Kritik die Tanzszene revolutionierte. Childs’ Lehrer Merce Cunningham befreite den Tanz vom Zwang, eine Handlung zu erzählen und Emotionen zu transportieren. Von ihm inspiriert entwickelte Childs eine abstrakte, ökonomische Bewegungssprache, die sich scheinbar einfach präsentiert, aber sehr komplexen Regeln folgt, und dabei eine starke Energie entwickelt. „In der Judson-Bewegung konnten Künstler mehrerer Disziplinen zusammenarbeiten“, erzählt Lucinda Childs. „Es war eine ästhetische Entscheidung, alltägliche Bewegungen, Gesten und Posen aufzunehmen.“

Wenn man Lucinda Childs fragt, was ihr der Begriff „Avantgarde“ heute bedeutet, lacht sie. „Das Wort gehört ins Museum, ist fast schon ein Kampfbegriff. Wenn man seiner Zeit voraus ist, verwirrt man die Leute. Das ist nicht immer leicht. Aber es lohnt sich.“ Die tänzerische Avantgarde der Lucinda Childs wirkt bis heute nach.

John Adams & Lucinda Childs & Frank Gehry: „Available Light“ 5.8. bis 8.8., jew. 19.30,
Kampnagel, Jarrestr. 20–24, T. 27 09 49 49