Salzburg

Traumkombination für ein Albtraumstück

 Güldene Frauen, ein schicker Sportwagen und mittendrin der dänische Bariton Bo Skovhus (vorn, Mitte) als Cortez in der „Eroberung von Mexiko“

Güldene Frauen, ein schicker Sportwagen und mittendrin der dänische Bariton Bo Skovhus (vorn, Mitte) als Cortez in der „Eroberung von Mexiko“

Foto: dpa

Konwitschny und Metzmacher verschaffen den Festspielen mit der „Die Eroberung von Mexiko“ einen unvergesslichen Auftakt.

Salzburg.  Mann trifft Frau, Mann will Frau, und von da an geht’s aber so was von bergab. Damit wäre schon alles über die Moral der Geschichte gesagt und auch über die Unmoral in der Menschheitsgeschichte, die Wolfgang Rihm mit „Die Eroberung von Mexiko“ erzählt. Im Krieg und in der Liebe ist alles erlaubt, das hatte Napoleon als Urheber dieser Erkenntnis am eigenen Leib erfahren müssen. Rihms Eroberer-Figurvorlage war einer seiner Vorgänger, der Spanier Cortez. Der kam im 16. Jahrhundert in einer neuen Welt an, um sie sich durch Unterwerfung des Aztekenherrschers Montezuma nach alten Spielregeln gefügig zu machen.

Die erste Opernpremiere der Salzburger Festspiele war damit eindeutig keine leichte, schöngesungene Harmlosigkeit zum Hineinkuscheln in Harmonien und Arien, sondern ein forderndes Biest, eine Sammelklage, die dem Premierenpublikum den entlarvenden Zerrspiegel vorhielt. Weil das Böse für den Regisseur Peter Konwitschny immer und überall ist, wird Mexiko an sich nur noch durch Spurenelemente angedeutet: An der Wand hängt ein Gemälde von Frida Kahlo, das sie als erlegten Hirsch zeigt, es wird Tequila getrunken zum Hecheln und Silbenbrabbeln der Sprecher, die im Orches-tergraben ihres Amtes walten.

„Wie hungrige Schweine wühlt ihr im Geld!“, wird vor den Geschmeideträgerinnen im Premiumparkett wütend skandiert. Dazu rollt ein Porsche Ca­brio, Umdeutung einer Muttergottesstatue, als Missionierungsmonster und rot lackierter Phallus-Ersatz ins Rampenlicht. Langbeinige Stripperinnen mit Inkagold-Überzug und ein Rudel junger Kerle in Entscheider-Anzügen, das wie wild gewordene Alphatiere aus dem Parkett heraus im Testosteron-Rausch auf die Bühne rast.

Als Nahkampf-Arena des Zwischenmenschlichen hat Konwitschny sich von Johannes Leiacker ein kleinbürgerliches Apartment in einen Zuguckgasten hineinarrangieren lassen, erbaut auf einem Fundament aus Schrottautos. Dort wird verhöhnt, verführt, veralbert, verstolpert, vergewaltigt. Zur Einstimmung zappelt er mit seinem Rosenstrauß wie ein verdruckster Neurosenkavalier vor ihrer Tür hin und her und traut sich weder rein noch raus. Doch als in diesem schmuckweißen Wohnzimmer mit Möbelhaus-Gummibaum im Eck er mit ihr fertig ist, fliegen abgerupfte Körperteile einer Brautpuppe wie im Splatterfilm durch die Luft. Bevor er sich zu resignierenden Restklängen still und leise für seine Untaten umbringt. Die Ausweitung dieser Kampfzone ins Grundsätzliche kannte keine Grenzen und nahm auch, anders als seinerzeit Cortez, keine Gefangenen. Man konnte sich kaum sattsehen an den raffiniert rabiaten Einfällen, mit denen diese Produktion dem Zuschauer ins Gesicht sprang.

Für diese am Ende zu Recht gefeierte Salzburger Neuproduktion von Rihms Menschheits-Parabel über Oben und Unten, Arm und Reich, Gut und Böse wurden zwei Brüder im Geiste aufeinander losgelassen, um spannungsgeladen und fantasieprall zu eskalieren: Ingo Metzmacher und eben Peter Konwitschny, das dynamische Musiktheater-Duo während Metzmachers Zeit als Generalmusikdirektor an der Hamburgischen Staatsoper, wo sie sich für ihre Kreativitätsschübe lieber zweimal zu viel Beulen geholt hatten als einmal zu wenig. Bereits 1992 hatte Metzmacher dort als junger Wilder die Uraufführung von Rihms Stück geleitet und 2010 die Salzburger Uraufführung von Rihms Nietzsche-Vertonung „Dionysos“. Für den 70-jährigen Kon­witsch­ny, den manche immer noch für einen spätpubertär übergriffigen Regietheater-Rüpel halten, war es das überfällige Salzburg-Debüt. Er hat sich damit dem nächsten Intendanten Markus Hinterhäuser eindringlich für weitere Aufträge empfohlen.

Es ist eine Traumkombination für ein Albtraumstück, die ihre Entstehung unschönen Zufällen verdankte: Die von Salzburg bei György Kurtág bestellte Oper wird und wird nicht fertig, und dann musste kurzfristig der ursprüngliche, aber erkrankte Rihm-Regisseur Luc Bondy ersetzt werden. Das erwies sich als Glück im Unglück, so bekam Konwitschny die brutal große Felsenreitschule als Drama-Schnellkochtopf in die Hände, zum Austoben, Assoziieren und Aufregen.

Mehr Freifahrtschein ging kaum, und Rihms Vorlage verstand Kon­witschny als Einladung, um in dieser beeindruckenden Kulisse mit einem Zwei-Personen-Stellvertreterkrieg sarkastisch, zeitkritisch und vor allem ganz grundsätzlich anstrengend zu werden. Das Theatertheorie-Oberseminar-Geschwurbel, durch das die Hamburger Premiere in der Regie von Peter Mussbach bedeutungsüberladen kollabierte, hat Konwitschny entschlackt und auf einen Brennpunkt gebracht, tatkräftig unterstützt von zwei großartigen Action-Akteuren. Die So­pranistin Angela Denoke und der Bariton Bo Skovhus waren schon 1998 sein ideales Albtraum-Paar für eine Hamburger „Wozzeck“-Inszenierung gewesen, wo sie sich, von Geldscheinen beregnet, ähnlich drastisch in den Verlierer-Abgrund stießen. Auch hier sind sie ideal gecastet, weil sie ihre uneitlen Stimmen als Verlängerung des vollen Körpereinsatzes nutzen und schinden.

„Ich möchte ein furchtbares Weibliches versuchen“, entfährt es Cortez. Das Ergebnis ist eine Schwangerschaft des weiblichen Montezuma, der aber nichts Allzumenschliches zur Welt bringt, sondern eine Familienpackung frischer iPhones, iPads und MacBooks, auf denen sofort Conquistador-Ballerspiele gestartet werden. Schlimmer Konsumrausch, ganz schlimme Gesellschafts-Gewalt-Fantasien. Konwitsch­ny vom Feinsten, solche Momente, die zielsicher die Wunde finden, in die ein Zeigefinger gebohrt gehört. Gesteigert wurde dieser Eindruck noch durch die Passgenauigkeit der Regie, die in der Partitur virtuos Entsprechungen zu den Nuancen des Erzählflusses fand und szenisch clever nutzte. Dass die Musik auch den Riesenklangraum bespielte, mit Percussion-Inseln um Zuschauerraum und Instrumentalsolisten am Bühnenrand, verstärkte den Surround-Effekt des Stückes noch. Kein Wunder, dass Rihm selbst beim Schlussapplaus verzückt und gerührt als Überraschungsgast aus der Küchentür des Bühnen-Appartments trat, um sich bejubeln zu lassen.

Herz und Motor der Inszenierung war Ingo Metzmacher, der mit bewährter Souveränität als Klangflächen-Zeremonienmeister das ORF-Radiosymphonieorchester aus Wien wie ein Avantgarde-Spezialensemble wirken ließ, das solche Brocken schon vor dem Frühstück stemmt. Für solche Kraftanstrengungen sind Festspiele erfunden worden. Eine Premiere fürs Langzeitgedächtnis.