Lübeck

Trauer um Günter Grass: Abschied von einem Widerspenstigen

In Lübeck gedachten Weggefährten des am 13. April gestorbenen Günter Grass, darunter zahlreiche Politiker und Literaten.

Lübeck.  Wie schön, wie fein bissig auch wäre es geworden, wenn Günter Grass mit spitzer Feder darüber hätte schreiben können, was sich am Sonntag, fast einen Monat nach seinem Tod, in seiner Wahlheimat Lübeck abspielte. Es nieselte am Muttertags-Morgen und an den Rathaus-Flaggen mit dem Stadtwappen hing Trauerflor. Grauhaarige Touristen fragten sich bei ihrem geruhsamen Stromern durch die Altstadt, ob denn bald Kaffeezeit wäre. Bei Niederegger stellte das Personal den frischen Kirschkuchen in die Auslage, und im Günter-Grass-Haus, um die Ecke vom Willy-Brandt-Haus gelegen, wartete man, abgeschirmt von Polizisten, auf die ersten Ehrengäste aus der großen weiten Welt der Literatur und der Politik. Bei Grass waren diese Welten zeitlebens nicht zu trennen.

Keine Trauerfeier wollte Grass für sich haben, wird Bürgermeister Bernd Saxe wenig später auf der Bühne des Lübecker Theaters vor etwa 900 Gästen sagen. Eine Gedenkstunde sollte es sein. Im Grass-Haus sollte dafür von einigen Prominenten, Weggefährten und Freunden schon mal vor-gedacht werden.

Früh vor Ort ist der Protestplakat-Künstler Klaus Staeck. Graue Haare, roter Schal. Im Ausstellungsraum sind, umrahmt von Grass-Bildern, Grass-Plakaten und Grass-Zitaten einige Bis­tro-Tische mit Namensschildern vorbereitet. Posthume Gesprächs-Kleingruppen von Prominenten und Weggefährten wurden von dienstbaren Geistern zusammengestellt, die für die nach Lübeck angereisten Journalisten O-Töne liefern sollen.

Im wohnküchenkleinen Vorraum, „Kosmos Grass“ genannt, wurden Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz mit Ulrich Wickert an einem Tisch vereint, im Hauptraum sollen Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder und der Schriftsteller Benjamin Lebert sich ihr Podium teilen. Doch natürlich kommt es ganz anders, als das Lübecker Gedenkstätten-Protokoll sich das dachte.

Als eine der ersten betritt NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft diese rührend unbeholfene Kammer-Trauerspiel-Bühne. Noch will niemand etwas von ihr hören, also studiert sie im „Kosmos Grass“ die Nobelpreis-Urkunde. Etwas höher im Andenken-Regal steht eine kleine bronzene Rättin, davor drei Schlümpfe. Grass hatte nicht nur schmerzhaften Biss, sondern auch reichlich Humor.

Irgendjemand am Rand des Geschehens antwortet auf die Frage, was hier eigentlich passieren soll, mit dem großartig abdruckreifen Satz: „Es geht alles seinen aufrechten Gang.“

Lokalpolitiker treffen ein, wie bestellt, aber nicht abgefragt parken sie sich an ihren Smalltalk-Stationen und versuchen angesichts der leisen Absurdität dieser Situation den Ernst zu wahren, den man beim Gedenken eines deutschen Großliteraten und Querdenker vor Kameras und Mikrofonen tunlichst zu wahren hat. Als die ersten überregionaleren Prominenten eintreffen, wird es kurzfristig lebhafter im Garten. Ulrich Wickert und seine Frau Julia Jäkel kommen, kurz danach auch, umrahmt von Sicherheitskräften, Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder. Bei manchen Fotos, die vor der sehr fotogenen Skulptur „Butt im Griff“ entstehen, sind die Unterschiede zwischen Gedenkveranstaltung für einen Literatur-Nobelpreisträger und einer Galerie-Eröffnung fließend.

Schröder knarzt auf dem Weg zu seinem Tisch kurz etwas in sich hinein, wenig später trifft er Hamburgs Ersten Bürgermeister Olaf Scholz. Grass sei nicht nur Freund und kluger Ratgeber gewesen, sondern auch ein politischer Kopf, diktiert Schröder in Journalisten-Schreibblöcke. Scholz hat schon als junger Mensch die „Danziger Trilogie“ gelesen und war von „Hundejahre“ besonders begeistert, sagt er, bevor er sich mit Schröder zum staatsmännischen Smalltalk vor das Regal mit der Bronze-Rättin zurückzieht.

Als Mario Adorf kommt, wird es noch lebhafter als vorher. „Wir waren nicht befreundet, aber wir haben uns oft gesehen“, danach folgen weitere Fotos vor „Butt im Griff“. Kurz bevor die Gedenk-Gruppe zu Fuß die wenigen Meter vom Grass-Haus zum Theater gehen wird und der Journalisten-Bus mit Motorrad-Eskorte hinterherfährt, trifft Vize-Kanzler Sigmar Gabriel im Grass-Haus ein. Großes Jetzt- und Ex-SPD-Führungskräfte-Hallo im Skulpturen-Garten. Kultur-Staatsministerin Monika Grütters (CDU) wird freundlich in die große Gedenkgemeinde integriert.

Auch Monika Grütters würdigt mit klugen Worten den Widerspenstigen

Im Theater wird zunächst etwas zu warten sein. Bundespräsident Joachim Gauck verspätet sich, aber nur leicht, Grass’ Verleger Gerhard Steidl, ausgerechnet, hat in New York seinen Flieger nicht bekommen. Ein kleines Ensemble spielt englische Renaissance-Musik, bevor der Lübecker Schauspieler Andreas Hutzel die ersten, sehr typischen Grass-Worte dieses Tages ins Halbdunkel des Saals spricht: „Trotz allem liebe ich mein Land.“

Auf dieses Trotzdem, dieses Dennoch, dieses Deshalb bezieht sich auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Torsten Albig in seiner kleinen, feinen Rede. „Er war kein Heiliger. Manche seiner Einschätzungen waren für viele nur schwer auszuhalten. Er war kolossal mutig.“

Auch die Literaturwissenschaftlerin Grütters würdigt mit klug gewählten Worten den unzähmbaren Widerspenstigen. „Günter Grass hat sich an seiner und unserer Geschichte gerieben.“ Sie endet mit einem Zitat von Jean Paul: „Eine Demokratie ohne ein paar Widerspruchskünstler ist undenkbar.“

Danach betritt der US-Autor John Irving die Bühne. Wie schon damals, 2006, als der Zorn über Grass’ arg spätes Waffen-SS-Eingeständnis sehr hohe Wellen schlug, verteidigt Irving seinen Freund und sein literarisches Idol. „Als er ,Vom Häuten der Zwiebel’ schrieb, bestand er nicht darauf, recht zu haben; er erklärte sich.“

Irving zitiert aus Grass’ letztem Brief vom 23. März, den er nicht mehr rechtzeitig beantwortet habe, in dem dieser als wütender Mahner schrieb: „Die Welt ist wieder einmal aus den Fugen und mir, dem kriegsgebrannten Kind, kommen schlimme Erinnerungen.“

Bevor Irving dann von der Bühne abtritt und den Platz freimacht für die Grass-Tochter Helene und Mario Adorf, die schöne Texte vortragen, sagt er noch das hier, als wehmütige Anspielung auf den Spielzeughändler Sigismund Markus in der „Blechtrommel“: „Günter war der König der Spielzeughändler. Jetzt hat er uns verlassen und alles Spielzeug der Welt mitgenommen.“

Die „Ciaccona“, die das Renaissance-Ensemble zum Ausklang spielt, endet ohne Schlussakkord, vor einem großen Foto von Günter Grass mit seiner Pfeife. Seine letzte Ruhe hat er vor einigen Tagen in Behlendorf gefunden, begraben mit einer Blechtrommel auf dem selbst entworfenen Sarg. Mitte Juni erscheint Grass’ letzter Roman „Vonne Endlichkait“. Und vor dem Lübecker Theater scheint die Sonne. Das Leben geht weiter.