ZDF

Kommissarin Winter: Ist es Entführung oder Mord?

Jana Winter (Natalia Wörner) ermittelt zum zehnten Mal als TV-Kommissarin,
diesmal im Umfeld der Familie des jungen Marius (Bjarne Meisel)

Jana Winter (Natalia Wörner) ermittelt zum zehnten Mal als TV-Kommissarin, diesmal im Umfeld der Familie des jungen Marius (Bjarne Meisel)

Foto: Marion von der Mehden

Natalia Wörner spielt in „Unter anderen Umständen – Das verschwundene Kind“ zum zehnten Mal Kommissarin Winter.

Sascha (Bendix Hansen) ist ein aufgeweckter kleiner Junge, der kaum etwas mehr liebt als die Natur. Der Achtjährige hat eine Lieblingseule im Wildpark, und er tobt draußen herum, wann immer es nur geht. Entsprechend begeistert ist er, als er zum Geburtstag ein Zelt bekommt, in dem sich seine Gäste versteckt haben: Mama Stefanie (Marie Leuenberger), sein Onkel Andreas (Thomas Loibl), seine Tante Britta (Brigitte Zeh) und ein Haufen Kinder. Es gibt Kuchen und Luftballons und ein Handyvideo, das Sascha sofort seinem Bruder schicken möchte. Ein kurzer Augenblick des Patchwork-Idylls.

Nur zwölf Stunden später will Stefanie Witte ihren Sohn zum Frühstück wecken, findet aber nicht mehr als ein leeres Bett vor. Auftritt Kommissarin Jana Winter (Natalia Wörner), im Schlepptau den stets brummbärigen Kollegen Matthias Hamm (Ralph Herforth). Es gibt keine Einbruchsspuren, Saschas Pyjama hängt ordentlich über dem Stuhl; als Stefanie im Morgengrauen das Haus verlassen hat, um Zeitungen auszutragen, schlief Sascha noch friedlich in seinem Bett. Die Suche führt das Ermittlerduo in den Wildpark, zu Saschas Onkel, der – wenn irgend möglich – noch heftiger auf das Verschwinden seines Neffen reagiert als dessen Mutter. Sein erster Verdacht: Saschas Vater (Hinnerk Schönemann) muss schuld sein. Nicht nur das, er muss dem Kleinen etwas angetan haben. Mit einem Gewehr auf dem Beifahrersitz macht Andreas sich auf den Weg, um auf eigene Faust und unter Umgehung diverser Gesetze Licht ins Dunkel des Verschwindens zu bringen.

Schnell wird auch den Ermittlern klar, dass der Junge nicht einfach bloß weggelaufen ist. Und die Vergangenheit seines Vaters, der seinem jüngeren Sohn laut Gerichtsbeschluss nicht näher als 1000 Meter kommen darf, taugt nicht gerade als vertrauensbildende Maßnahme: Jürgen Lohmann hat nicht nur seinen Nachnamen geändert, er ist auch vorbestraft. Wegen Körperverletzung an Saschas Bruder Marius (Bjarne Meisel), als dieser so alt war wie sein kleiner Bruder jetzt. Und in Lohmanns Wohnung finden sich stapelweise Fotos von Sascha, alle aufgenommen mit einem Teleobjektiv, die neuesten stammen vom Vortag.

Für den runden Ermittlungsgeburtstag von Natalia Wörners Charakter Jana Winter haben sich die Drehbuchautoren Daniel Schwarz und Thomas Schwebel eine ziemlich ver- wickelte und düstere Geschichte einfallen lassen. Auch weil zunächst gar nicht klar ist, welcher Art von Straftat Winter und ihre Kollegen eigentlich auf der Spur sind: einer Entführung, einer Sexualstraftat, einem Mord?

Die norddeutsche Provinz entpuppt sich in „Unter anderen Umständen“ erneut als Hort der unschönen Taten. Nicht einmal das beschauliche Kommissariat bleibt in dem von Judith Kennel inszenierten Krimi verschont von Verwerfungen, im positiven wie im negativen Sinn: Einer der Schleswiger Beamten darf sich auf Nachwuchs freuen, während Polizeichef Arne Brauner (Martin Brambach) einen reichlich derangierten Eindruck hinterlässt.

Manchmal wirkt die innere Logik des Drehbuchs zwar konstruiert, trotzdem ist „Das verschwundene Kind“ kein schlechter Krimi. Die lang eta­blierten Haupt- und neu hinzugekommenen Nebencharaktere agieren stimmig, gerade Wörner scheint sich auch beim zehnten Auftritt als Polizei-Nordlicht sichtlich wohl in ihrer Haut zu fühlen. Und Ralph Herforth – bei dem hat man ohnehin immer das Gefühl, dass er sich selber spielt, und das sehr gern. Hinnerk Schönemann als eigenbrötlerischer Eremit, der seinen Sohn auf Schritt und Tritt beobachtet, ist ebenso überzeugend wie Martin Brambach, dieses bekannteste aller unbekannten Fernsehgesichter: Der ist einmal mehr in seiner Karriere der heimliche Star einer Darstellerriege. Mit wenigen Worten und einigen Gesten versteht er es, Schmerz und Selbstekel ein Gesicht zu geben, den Zuschauer gleichzeitig abzustoßen und mitfühlen zu lassen.

„Unter anderen Umständen – Das verschwundene Kind“, 20.15 Uhr, ZDF