Hamburg

Anwältin verfemter Komponisten

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Verena Fischer-Zernin

Hamburg.  Die Erinnerung will nicht so recht. War Jacqueline Hopp schon einmal im Thalia Theater? Nachdenklich lässt sie den Blick über die Jugendstilpracht des Foyers gleiten, als könnte der Anblick der stilisierten Blätter und des dunklen Holzes etwas in ihr in Gang setzen. Ende der 70er-Jahre hat ihr Vater für eine Produktion auf der Bühne des Hauses gestanden. „Ich weiß nicht mehr, ob ich dabei war“, sagt sie schließlich und zuckt die Achseln. Es gibt so viele andere Dinge zu erinnern.

Mit dem langen, offenen blondierten Haar und der Strickjacke über der weißen Bluse fällt Hopp nicht mehr auf als die anderen leger-eleganten Mittfünfzigerinnen, die spätnachmittags in der Hamburger Innenstadt unterwegs sind. Kein Zweifel, sie gehört zur Mitte der bundesbürgerlichen Gesellschaft. Freilich mit dem delikaten Unterschied, dass man das bei ihr öfter mal betonen muss.

Hopp ist nämlich nicht nur Musikagentin, Ehefrau, Mutter, Berlinerin, sie ist auch Jüdin. Wer genau hinsieht, kann es erkennen: An dem rotgoldenen Kettchen um ihren Hals schaukelt ein winziger Davidstern.

Ihr Jüdischsein trägt sie nicht vor sich her. Hopps Mission zielt aufs Gegenteil. Sie will jüdische Musik gerade nicht nur in jüdische Gemeinden bringen, sondern in die Mehrheitsgesellschaft. In die aufgeklärte, interessierte Gesellschaft, zu der sie selbst sich zugehörig fühlt, die sich nicht über eine Religion definiert oder gar über eine Ideologie abgrenzen zu müssen glaubt. „Jüdische Musik im Dialog“, lautet denn auch das Motto ihrer Agentur Keshet. Das Wort selbst bedeutet auf Hebräisch Regenbogen, Geigenbogen oder auch schlicht Bogen.

„Wir wollen den verfemten Komponisten wieder eine Bühne geben“, sagt Hopp bei einem Glas Pfefferminztee in einem Bistro nicht weit vom Theater. Sie und ihre Schwester Madeleine Budde, mit der sie die Agentur im vergangenen Jahr gegründet hat, vermitteln Programme etwa mit jüdischer Filmmusik, Kaffeehausmusik oder Musik aus dem KZ.

Unweigerlich führt der Begriff „jüdische Musik“ ins finsterste Kapitel der deutschen Geschichte. Mahler und Mendelssohn wurden im Dritten Reich von den Konzertprogrammen verbannt. Und wer damals in Deutschland lebte und zeitgenössisch-avanciert komponierte, gab den Schergen gleich doppelt Anlass zur Verfolgung. Pavel Haas und Viktor Ullmann stehen stellvertretend für zahllose Komponisten, die in der Schoah ermordet wurden. Andere, Alfred Schnittke etwa oder Berthold Goldschmidt,, kamen mit dem Leben davon.

Keshet vermittelt auch Musiker. Unter ihnen ist der weißrussische jüdische Jazzpianist Leon Gurvitch, der am 19. und 20. März bei den NDR Jazzkonzerten auftritt. Die Agentur hat einige hochdekorierte israelische Künstler im Portfolio, die hierzulande erstaunlich wenig bekannt sind. Doch bei den Interpreten ist Hopp, anders als bei den Komponisten, nicht exklusiv. „Ich will ja gerade keine Grenze ziehen“, sagt sie. „Wir arbeiten mit jedem Künstler zusammen, der unsere Vision teilt. Und wenn es ein Muslim ist!“

Es sind solche Halbsätze, die den Unterschied im Lebensgefühl markieren. So wie andere wahrnehmen, dass Hopp Jüdin ist, nimmt sie selbst die Religionszugehörigkeit eines Menschen wahr. Dieses Innehalten, dieses kurze Sichbewusstmachen, wer man selbst ist, wer der andere ist – ohne das geht es wohl nicht, wenn man einer religiösen oder kulturellen Minderheit angehört.

Angst, als Jüdin in Deutschland zu leben, hat Hopp nicht. Antisemitismus hat sie persönlich nie erlebt. „Ich kann mir nichts anderes vorstellen. Mein Zuhause, meine Heimat und meine Zukunft sind in Deutschland. Auch nach ,Charlie Hebdo‘ und dem Attentat von Kopenhagen.“ Aber eine Veränderung spürt sie doch. „Beim letzten Gazakrieg hatte ich den Eindruck, dass die Kritik an der israelischen Politik sich gegen das internationale Judentum richtete. Das wird oft verwechselt“, sagt sie. „Erst in letzter Zeit habe ich manchmal darüber nachgedacht, ob es klug ist, mit meiner Kette in einen arabischen Falafelladen zu gehen.“

Hopp ist in einem weltläufigen Ambiente aufgewachsen. Ihr Vater Gerhard Klein, Jahrgang 1920, machte in Berlin als Kinderschauspieler Karriere, bis er 1939 in ein polnisches Arbeitslager deportiert wurde. Klein überlebte. Anfang der 50er-Jahre kehrte er nach Berlin zurück, lernte seine spätere Frau kennen, ebenfalls Jüdin, und eröffnete das „Capitol Dahlem“, das erste Programmkino West-Berlins. Hopp hat eine amerikanische Schule in Zehlendorf besucht. In ihrer Klasse waren jüdische Mitschüler, aber natürlich auch Kinder deutscher Nazis. „Ich habe immer versucht, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“, erzählt sie. „Ich mache sie nicht für ihre Eltern verantwortlich.“

Beide Schwestern haben nichtjüdische Männer geheiratet. Man feiert jüdische Feste, aber natürlich auch das berühmte „Weihnukka“. Ihrer inzwischen erwachsenen Tochter hat Hopp die Wahl gelassen, welcher Religion die sich anschließen will.

Nach langen Jahren als Redakteurin bei der „Berliner Morgenpost“ hat sie für den Zentralrat der Juden in Deutschland gearbeitet und Kulturprogramme mit jüdischen Künstlern betreut. Das brachte sie schließlich auf die Idee für ihre Selbständigkeit.

Parallel ist Hopp Geschäftsführerin der Deutsch-Israelischen Juristenvereinigung. Denn reich wird sie mit ihrem Nischenprodukt nicht, schon gar nicht im kulturell überfüllten Berlin. Aber auch wenn die Mühen der Vermarktung manchmal überhand nehmen, ihre Mission spürt sie immer. „,Nur‘ jüdisch, das hat es nie gegeben“, formuliert Hopp ihr Credo. „Künstlerisches Schaffen kennt keine Grenzen.“