Philharmonie

Pariser Konzerthaus: Das Konzert-Ufo vom 19. Arrondissement

Foto: Charles Platiau / AP

Der Baumeister boykottierte die Eröffnung, die Kosten wuchsen und wuchsen: Die neue Pariser Philharmonie weist große Parallelen zur Elbphilharmonie in Hamburg auf. Joachim Mischke über ein wundersames Konzerthaus.

Paris. Ein 381 Millionen Euro teures Konzerthaus direkt neben den Pariser Autobahnring Périphérique an den tristen Stadtrand zu stellen, das muss man wollen. Hier, im 19. Arrondissement im Nordosten, wirkt der riesige Klotz aus gemusterten Betonplatten und Aluminiumwellen wie ein freiwillig in den Boden gerammtes Raumschiff. Es komplettiert im Parc de la Villette die Cité de la Musique, ein kulturpolitisches Prestigeprojekt für das wenig glamouröse Metropolenrandgebiet.

200.000 himmelwärts flatternden Vogelsilhouetten an der Fassade sollen das Ende der „Verbannung“ der Menschen in diesem Teil von Paris symbolisieren, hatte der französische Star-Architekt Jean Nouvel erklärt, der hier nach Sälen für Luzern und Kopenhagen – für viel mehr Geld als anfangs gedacht – einen weiteren spektakulären Kulturbau zur weltweiten Beachtung abliefern sollte.

Direkt gegenüber, in Pantin, stehen Wohnklötze, die Welten entfernt sind von Haute couture und Savoir vivre und Postkartenmotiven. Nouvels futuristisches Konzerthaus-UFO fremdelt in diesem Viertel wie ein unberechenbares Alien. Bei aller Sympathie für die Aufgaben: Es befremdet auch, weil es so gewollt wirkt anstatt erwünscht.

Die Erbauer hatten sich freuen wollen über den alles in allem schon ziemlich formidablen Klang, endlich, über die Eröffnung. Sie wollten stolz sein auf eine neue erste Adresse für Klassik, die Paris so noch nicht bieten konnte. Es kam ganz anders.

Bei der Eröffnungszeremonie am Mittwoch und Donnerstag, eine Woche nach dem Anschlag auf die „Charlie Hebdo“-Redaktion, sagte Präsident François Hollande: „Die Terroristen wollten die Kultur treffen. Drei Mörder wollten einen schwarzen Schleier, einen Schleier des Schreckens über unser Land werfen. Es ist ihnen nicht gelungen.“ Seine Rede endete mit „Vive la musique! Vive la République et vive la France!“ Und im Dunkel des Abends patrouillierten etliche Polizisten um das Gebäude.

Die Geschichte der Philharmonie de Paris ist voller Parallelen zur „Philharmonie de l’Elbe de Hambourg“ („L’Express“), die mit einem sehr ähnlichen Großen Saal ja nur noch genau zwei Jahre Wartezeit vor sich haben soll: Verzögerungen beim Bau, Preissteigerungen und Krach um Zuständigkeiten. Am Tag der Eröffnung, als der neue Saal zum ersten Mal zeigen musste, was er kann, lagen einige Nerven sehr blank. Denn Nouvel boykottierte die Premiere seines Bauwerks.

Er hielt die Eröffnung für verfrüht, hatte er in „Le Monde“ gepoltert, für einen Angriff auf sein Konzept und seine Architekten-Ehre. Während überall noch hektisch gehämmert, gesäubert und gut sichtbar mit Tarnvorhängen geschummelt wurde, um den VIP-Besuchern am Abend eine Potemkinsche Philharmonie zeigen zu können, konterte Direktor Laurent Bayle genervt, man habe die erste Spielzeit seit anderthalb Jahren geplant und auch eine Verpflichtung gegenüber den Steuerzahlern.

600 Handwerker haben die Nacht nach dem ersten Eröffnungskonzert durchgearbeitet. Im Parkett waren große Teile des Bodens auch vor dem zweiten Konzert noch im Rohzustand, Fahrstühle funktionierten nicht. C’est la vie. Für den spektakulären Blick vom Philharmonie-Dach, 37 Meter über tout Paris (höher als gerade mal die Höhe der Plaza auf dem Hamburger Kaispeicher darf man so etwas hier nicht bauen), vertröstete Bayle auf den Frühling.

Wichtiger sei doch, dass alles funktionsfertig ist, was für den Konzertbetrieb gebraucht wird. Realpolitisch übersetzt heißt das, dass das rezessionsgebeutelte Frankreich sich noch längeres Warten nicht mehr leisten darf, will oder kann.

Eine Gemeinsamkeit für Paris und Hamburg ist der japanische Akustiker Yasuhisa Toyota, der hier wie dort als Erfolgsgarant für einen möglichst guten Klang engagiert wurde. Für Hamburg konnte und durfte er allein messen und planen; in Paris sollte es Teamwork sein, das sorgte im Laufe der Jahre für Missklänge bei der diffizilen Arbeit. Während die Spezialisten von Marshall Day Acoustics aus Neuseeland (Zaha Hadids Partner für ein schnittiges Opernhaus im chinesischen Guangzhou) der internationalen Presse über ihre Leistungen berichteten, war Toyota, mit dem Nouvel in Kopenhagen gearbeitet hatte, nicht vor Ort, sondern: in Hamburg. Wichtigere Termine.

Bei Nachfragen zum Atmosphärischen bleibt er in seiner Mail vielsagend vage: Drei Fragezeichen nur zur Frage, was genau sein Anteil an diesem Projekt war. Im November wurde im Westen von Paris mit dem Auditorium de Radio France ein guter, kleinerer Toyota-Saal – 1460 Plätze – eröffnet, in knapp zwei Jahren soll auf der Ile Seguin ein weiterer Nouvel-Saal mit 900 Plätzen folgen. Auf die Frage, ob die Pariser Philharmonie wie sein Cousin in Hamburg in den Top Ten der Klassikwelt mitspielen wird, schreibt Toyota ein diplomatisches „Ich hoffe, dass beide Weltklasse sein werden“.

Mehrere Ensembles bilden das musikalische Rückgrat des neuen Pariser Konzerthauses, das als „Centre Pompidou“ für Musik geplant wurde. Neben dem Orchestre de Paris (OdP) unter seinem Chefdirigenten Paavo Järvi, der sich 2016 verabschiedet, werden auch die Avantgarde-Spezialisten vom Ensemble Intercontemporain und die Barockmusiker von Les Arts Florissants hier eine neue Heimat haben. Als Teil eines größeren kulturpolitischen Bespielungskonzepts wird Bayle alles anbieten, was man so anbieten muss: Günstige Wochenend-Konzerte für Familien, musikalische Basisarbeit für Kinder, Weltmusik, Jazz, Freistil. Fast die Hälfte der 270 Konzerte der ersten Spielzeit hier ist nicht klassisch.

Deutlich günstigere Preise als bisher für die 2400 Plätze, gegen die Schwellenangst; die teuerste Karte für einen der Eröffnungsabende kostet schlanke 40 Euro. Aber natürlich auch jede Menge Klassik-Stars, um der Zentralpariser Stammkundschaft den langen Anfahrtsweg an den Stadtrand, in eine andere Welt schmackhaft zu machen. Diese Klientel wird für musikalische Kreisklasse kaum die Metro-Linie 5 bis kurz vor die Endstation nehmen wollen. Für die 2400 Sitzplätze gibt es hier aber nur 600 Parkplätze.

Für Ärger sorgte auch ein erbitterter Streit um die Zukunft einer anderen etablierten Konzert-Adresse: Die Salle Pleyel – Art Déco, an sich hui, akustisch aber eher pfui, in der Nähe vom Champs-Èlysées und bislang die Heimat vom OdP – darf zukünftig alles mögliche anbieten, das verfügte Bayle als neuer Vermieter von Pleyel. Doch Klassik ist ab sofort tabu für die neuen Betreiber, die in der letzten Woche von Bayle den Zuschlag erhielten.

Auch die Frage, wer die Subventionen für seinen Spielbetrieb finanziert, passte nicht ganz in Bayles Eröffnungs-Freude. Er hatte mit 18 Millionen Euro Spielgeld von Stadt und Staat für die erste Saison gerechnet, aber die Stadt Paris kürzte ihren Anteil daran kurzfristig von neun auf sechs Millionen.

Aber zurück zum Wichtigsten eines Konzerthauses: zum Konzert. Philharmonie de Paris, Grande Salle, erster optischer Eindruck: Mon dieu! Eine gewagte, wie rund gelutschte Kreuzung aus dem klassischen Schuhschachtel-Konzept und der Weinberg-Ansicht der Berliner Philharmonie, deren Philosophie auch für Hamburg Pate stand. An den Seiten scheinen die Ränge mit schon reichlich steilen Sitzreihen zu schweben, dahinter befinden sich Echokammern, die das Publikum in Klangreflexionen hüllen sollen.

Über der Bühne schweben wolkenartige Reflektoren wie Bumerangs. Das Zentralelement lässt sich auf verschiedene Höhen einstellen. Hier wird sich noch einspielen müssen, wie die jeweiligen Musiker sich mit dem Saal arrangieren. OdP-Direktor Bruno Hamard hatte gewarnt, von den ersten Konzerten solle man sich akustisch nicht allzu viel erwarten, „auch eine Stradivari muss man erst zähmen“. Vor der Eröffnung von Frank Gehrys Walt Disney Concert Hall in Los Angeles hatte das Los Angeles Philharmonic ein halbes Jahr zum Gewöhnen an Toyotas Klangdesign bekommen, um das Risiko für die ersten Konzerte in dem Alu-Knäuel zu minimieren.

Die Pariser Musiker haben auf der Bühne des Saals, der vor allem für sie gebaut wurde, an diesem Montag zum ersten Mal gespielt. Ein Fast-Blindflug vor den Ohren der gespannt neugierigen Klassik-Welt. Das NDR Sinfonieorchester in Hamburg kann ab Oktober 2016 mit maximal vier Monaten in der Elbphilharmonie rechnen, bevor sich die Saaltüren öffnen.

Der akustische Eindruck hier war allerdings noch uneinheitlich. Einerseits hat dieser Saal klanglich eine angenehme Wärme und großartige Nähe. Er kann mit einer Dynamik aufwarten, die mitunter wuchtig ist, aber nicht dick. Er hat einen sonoren Nachhall, der sich nicht übermäßig aufdrängt, viele musikalische Details kamen klar erkennbar im Parkett an. In Borodins „Polowetzer Tänzen“ waren vor allem die Bläser präsent, die Streicher liefen eher am Rande mit, wie hinter einem Schleier.

Dieser Eindruck verstärkte sich noch, nachdem Lang Lang auf die Bühne kam, um in bewährter Lang-Lang-Manier Tschaikowskys 1. Klavierkonzert in die Steinway-Tastatur zu hämmern. Etwas mehr trockene Helle wäre schön gewesen, doch das mag noch kommen, wenn dem Orchester klarer ist, was hier geht und was nicht. Prunkvoll verklingende Schlussakkorde und genau gezeichnete leise Stellen zeigten das Potenzial des Raums.

Dass danach Berlioz’ „Symphonie fantastique“ folge, war eine clevere programmatische Idee, denn dieses Stück ist nicht nur französisches Kulturgut, sondern ein erstklassige Präsentierteller für virtuose Orchestration und entsprechende Klangeffekte. Und diese Nagelprobe haben sowohl der Saal als auch das Orchester bravourös bestanden, wenn man den Sturzgeburt-Aspekt dieses Auftritts bedenkt.

Zu den Gesamtkosten dieser Philharmonie hatte der sozialistische Politiker Hollande sich einen Seitenblick gegönnt: „Leuchtturmprojekte wie diese sind teuer, sehr teuer, sehr sehr teuer, viel teurer als geplant: 386 Millionen Euro, und doch ist das weniger als anderswo“, sagte er.

„Das beruhigt uns immer dann, wenn wir über unsere Grenzen schauen, beispielsweise nach Deutschland. Hamburg soll doppelt so viel kosten. (...) Wir müssen die Kosten im Griff behalten, die Preise senken. Denn darum geht es: Steuergelder sinnvoll einzusetzen.“ Olaf Scholz hätte es für seine teuerste Baustelle an der Elbe kaum pragmatischer formulieren können.

www.philharmoniedeparis.fr

Infos:

Mit dem Bau der „Philharmonie de Paris“ neben der früheren „Cité de la Musique“ im Nordosten der französischen Hauptstadt wurde nach langem politischen Ringen 2009 begonnen.

Die Eröffnung hat sich um zwei Jahre verspätet. Sie war anfangs für 2012 geplant gewesen, wurde mehrfach verschoben.

Die Kosten haben sich von ursprünglich geschätzten 200 auf 381 Millionen Euro erhöht.

Zum Vergleich: Die Kosten der Stadt Hamburg für die Elbphilharmonie belaufen sich derzeit auf 789 Millionen Euro. An der Elbe wurde der Grundstein im April 2007 gelegt, die Fertigstellung ist nach jahrelangen Verzögerungen und Preissteigerungen und einer grundsätzlichen Neuordnung der Verantwortlichkeiten für Oktober 2016 geplant, die Eröffnung für den 11. Januar 2017.

Der Große Saal in Paris hat 2400 Plätze (Elbphilharmonie: 2150), außerdem gibt es dort 15 Probenräume, Multifunktionssäle, ein Zentrum für Musikausbildung mit 2000 Quadratmetern, ein Panorama-Restaurant und Cafés.

Für Ausstellungen stehen 700 Quadratmeter zur Verfügung, die erste ist David Bowie gewidmet.

TV-Tipps: Arte zeigt am 18.1., 16.45 Uhr eine Dokumentation über die Pariser Philharmonie und ab 17.40 Uhr Highlights der Eröffnungskonzerte