NDR Sinfonieorchester

Wenn Kontrabässe knurren wie hungrige Wölfe

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Tom R. Schulz

Das NDR Sinfonieorchester brilliert unter Alan Gilbert mit Adès, Escaich und Berlioz. Luftig, transparent und genau verzaubern die Sinfoniker bei der Matinee in der Laeiszhalle

Hamburg. Die 2006 entstandenen „Three Studies from Couperin“ des englischen Komponisten Thomas Adès sind ein Verwirrspiel; auf erhellende Weise irritierend überlagern sich darin wechselseitig Vergangenheit und Gegenwart. Ohne das Notenmaterial der drei anmutigen Cembalo-Piecen des französischen Barockmeisters François Couperin zu verändern, löste Adès sie in seiner Orchestrierung mit teilweise so unbarockem Instrumentarium wie der Marimba aus dem Kontext ihrer Entstehungszeit. Der sanfte V-Effekt sorgte in der Matinee des NDR Sinfonieorchesters unter der Leitung seines scheidenden Ersten Gastdirigenten Alan Gilbert am Sonntag in der Laeiszhalle für ein subtiles Erweckungserlebnis.

So luftig, transparent und genau, wie die NDR-Sinfoniker das Konzert begannen, spielten sie anschließend in größerer Besetzung auch das Doppelkonzert für Violine und Oboe des Franzosen Thierry Escaich, das sie wenige Tage zuvor am selben Ort uraufgeführt hatten. Das raffiniert gebaute Stück verbreitete stellenweise eine Energie, als sei es zu gleichen Teilen gespeist von Strawinskys „Sacre“ und der hochheiligen Einfachheit Arvo Pärts: rhythmisch extrem anspruchsvoll und kleinteilig, zugleich in langen Bögen atmend und von großer spiritueller Aufgeräumtheit. Die solierenden Eheleute Lisa Batiashvili und François Leleux, für die das Werk komponiert wurde, musizierten mit dem für Virtuosen ihrer Liga charakteristischen Vermögen, beim rasant-vertrackten Spiel auch noch Denken und Fühlen unterzubringen. Escaichs Anleihen bei Bachs Doppelkonzert für Violine und Oboe nahmen die beiden zum Anlass, dessen dritten Satz als Zugabe zu spielen. Da hielt das von Adès angezettelte und von Escaich weitergedrehte Vexierspiel plötzlich inne und ruhte für ein paar hinreißende Minuten auf Bachs reinem Barock.

Schon vor der Pause war die unwahrscheinlich entspannte, kollegiale, dabei alles andere als lasche Art, mit der Alan Gilbert am Pult agierte, unübersehbar. So unbelastet von Dompteur-Ego und dabei so effizient können nur ganz wenige dirigieren. Selbst bei Hector Berlioz’ „Symphonie fantastique“, in der zwischen schwermütig eingefärbtem pastoralen Englischhorn-Idyll zu fast kaum hörbarem Streichertremolo im dritten Satz bis hin zum orchestralen Sturzbach so einiges an extremen Klangströmen zu organisieren ist, ließ Gilbert eine staunenswerte Ökonomie der Bewegungen walten.

Das Orchester dankte ihm seine inspirierende Präsenz mit enormer Vitalität im Klanglichen (so schauerlich, wie die Kontrabässe im Hexensabbat knurrten, wähnte man sich im Wald bei ausgehungerten Wölfen) und mit einer rhythmischen Akkuratesse, die von Weltklasse kaum einen Hauch mehr entfernt war. Im begeisterten Schlussapplaus lief Gilbert höchstpersönlich zum Englischhorn-Solisten Björn Vestre und beschenkte ihn mit Blumen.