Wagner für Nicht-Wagnerianer

Antú Romero Nunes inszeniert „Der Ring: Rheingold/Walküre“ am Thalia Theater nahezu ohne Musik, aber wuchtig und mit starken Schauspielern

Hamburg. „Wagalaweia“, ausgerechnet „Wagalaweia“. Woglindes erste Wortmeldung im „Rheingold“-Libretto löst das archaische Grunzen ab, das Stammeln, Prügeln und störende Kumpane ins Feuer werfen. Ausgerechnet mit dieser Wagner-Klischee-Vokabel einer Rheintochter endet nach einer halben Stunde das Vorspiel, mit dem die Entstehung der Welt und der Wurzeln allen Übels im stummen Schnelldurchlauf geschildert wird. Bühnenmusikalisch ähnlich clever unterlegt mit einer Anspielung auf den Es-Dur-Akkord, der Wagners Über-Tragödie so magisch eröffnet.

Düster dräuend ist die Thalia-Bühne und grob gezimmert ihr Horizont, Tarnvorhänge beengen das zeitlose Irgendwo aus kalter Leere und großen Erdhaufen; als Symbol für den verfluchten Ring, sie alle zu binden, ist das räudige Götterrudel auf einer Drehbühne platziert, die nur vage Ähnlichkeit mit der symbolistisch leer gefegten Neu-Bayreuther Ästhetik von Wieland Wagners Herdplatten-Inszenierungen hat. Wobei man um Himmels willen nicht darauf wetten sollte, dass Regisseur Antú Romero Nunes es lediglich auf gepflegtes „Erkennen Sie die Ironie?“-Zitateraten für besserwisserische Wagner-Kenner angelegt hat, die ins Sprechtheater gelockt werden sollten, weil die Staatsoper gerade keinen „Ring“ im Sortiment hat. Dafür ist viel zu viel Energie in dieser Geschichte, während sie von Anfang an ihrem bösen Ende entgegentrudelt.

Nur sehr vereinzelt flackerten orchestrale Motive und Wagner-Wunschkonzert-Themen auf, gesungen wurde ohnehin nicht, und ausgiebig und mit pumpendem Pathos gestabreimt, wie es sich bei Wagners rasenden Recken gehört, das kam auch erst später. Dass es derart dauert, bis das erste originale Wort des Gesamtkunstwerkers zu hören ist und kurz danach endlich auch die ersten brauchbaren Sätze, ist ein cleverer Kunstgriff der Regie, und nicht die letzte von vielen raffinierten Provokationen und Umdeutungen, mit denen diese oberkörperbetonte Vertheaterung der ersten Hälfte von Wagners 16-stündigem Opernzyklus in nur drei Stunden für Druckbetankung mit Supermythos sorgt.

Konventionsgewohnten Wagnerianern, für die ohne dessen rauschhafte Musik doch so einiges zum Glück beim Stück fehlen würde, ist ein Besuch dieser fast musiklosen „Ring“-Bühnenfassung nur bedingt zu empfehlen, denn es drohen allenthalben Entzugserscheinungen nach der Droge. Aber gerade für sie ist diese Version ja auch nicht gemacht. Nunes hatte das ebenfalls fröhlich zusammengerührte „Ring“-Original Wagners mehr als einladendes Text-Büfett verstanden, zum Herauspicken der gehaltvollsten und saftigsten Stellen, und es je nach Bedarf mit anderen, passenden Mythenteilen ergänzt und erweitert. So kam Nunes’ Variation etwa in der Hälfte der Originalzeit durch das „Rheingold“ und nach der Pause noch flotter bis ans Ende der „Walküre“, bei dem als Cliffhanger schon die Ankunft des hehren Helden Siegfried angekündigt wird (die Fortsetzung, ein Remix vor allem aus Wagners Vorlage und Hebbels „Nibelungen“-Trauerspiel, folgt im Januar).

Im „Rheingold“ will Wotan, wie man es von Chefs so kennt, von allen sofort alles – aber nicht einsehen, dass er sich dafür ans Kleingedruckte seiner Abmachungen halten muss. Die Liebe zwischen den vom einäugigen Allvater in die Welt geworfenen Zwillingen Siegmund und Sieglinde sorgt in der „Walküre“ für erhöhte Wälsungenblut-Temperatur und später für die Entfremdung zwischen dem zürnenden Göttervater und seiner Lieblingstochter, der Walküre Brünnhilde. Im Grunde genommen also sind wir in der Nachbarschaft von „Game of Thrones“, aber mit viel weniger verkrachtem Sippenpersonal und nur einem Drachen. So weit, so verwirrend. Diese Geschichte der ersten beiden „Ring“-Kapitel steht in jedem Opernführer, doch sie ist im Grunde genommen dennoch so märchenhaft einfach, dass Nunes mit seiner schlichten Fantasy-Film-Schilderung dieser hochkomplexen Gemengelage aus Schuld und Sühne auf direktem Weg zum nächsten Thalia-Publikumserfolg ist. Der Unisono-Jubel am Ende des Premierenabends ist wohl ein erster Vorbote dafür.

So unmittelbar wie eine „Dallas“-Staffel mit Schwert inszenierte Nunes seine Version über sehr weite Strecken. Zum Aufsagen der eindrucksvollsten Textpassagen begeben sich die übellaunigen Sagengestalten, verdreckt und verzottelt, im großzügig eingesetzten Kunsteis-Nebel nach ganz vorn an die Rampe oder zelebrieren Bekichernswertes wie Hundings „Heilig ist mein Herd“ mit einer Extraportion Mimenhaftigkeit, um den Text, befreit von stützender und schützender Musik, in seiner konstruierten Gestrigkeit zu entblößen.

Um diese Mängel zu überspielen, wird vom erstklassig komponierten Schauspieler-Ensemble umso mehr mit dem Betonungsverstärker und Ausdrucksmittel Körper gearbeitet: Für sein Walhall-Solo erhielt Thomas Niehaus als Götterburgerbauer-Riese Fafner schwer verdienten Szenenapplaus, Lisa Hagmeister als Sieglinde und Daniel Lommatzsch als Siegmund geben ein packendes Geschwisterliebespaar ab. Peter Jordans Loge flackerte gekonnt zwischen den Charakterpolen devot und eitel, Bärbel Schwarz keifte als Wotans Weib Fricka, wie es sich in diesem Part gehört. Ebenfalls sehr hübsch: der Mini-Walkürenritt, bei dem die eingesammelten toten Helden wie tumbe Zombies über die Bühne wanken.

Dramaturgisch geschwächelt wurde dennoch: Je später der Abend, desto originaler (statt origineller) verlief die Aufsagerei. Bis zum Schluss der „Walküre“, dem Abschied Wotans von Brünnhilde in ihren Strafschlaf, schnurrte die episch gemeinte Absicht, das Material radikal umzuformen, mehr und mehr zum klassischen Schauspieler-Theater zusammen. Ein letztes Sternviertelstündchen für Marina Galic als Brünnhilde, vor allem aber für einen so brachialen Verkörperer wie Alexander Simon, der als Wotan erkennen muss, wie hilflos er ist in der Zwickmühle, in die er sich manövrierte. So gesehen wie hier, sind selbst die Götter letztlich auch nur Menschen.

Weitere Aufführungen: 31.10., 15./16.11., 4./13./25.12., 14.1.