„Ich war nie böse auf die Stadt“

Am 8. September feiert der Dirigent Christoph von Dohnányi seinen 85. Geburtstag. Ein Gespräch über Grundsätzliches, Erreichtes und Unerreichbares

Hamburg. Vor Kurzem hat er ein Konzert bei den Salzburger Festspielen dirigiert, für ihn längst nichts Besonderes mehr. Doch am Montag steht ein spezieller Termin für Christoph von Dohnányi an: Der ehemalige Hamburger Staatsopern-Chef und Ex-NDR-Chefdirigent wird 85. Von Resümee oder Ruhestand ist er weit entfernt.

Hamburger Abendblatt:

Man braucht ein großes Orchester, um ein großer Dirigent zu sein, sagten Sie einmal. In welche Kategorie würden Sie sich dann einordnen – bei den guten oder bei den großen?

Das kann jetzt niemand beurteilen. Wenn Sie mit „groß“ „bekannt“ meinen, dann würde ich sagen: Ich bin nicht so bekannt wie manche der sogenannten Großen. Aber erstens überlasse ich solche Einschätzungen total Ihnen, und zweitens ist es mir auch noch total wurscht.

Kann es sein, dass es in Ihrem Job zum Jungbleiben beiträgt, dass man anderen seinen Willen aufzwingen darf und dafür auch noch bezahlt wird?

Dohnányi:

Das ist absoluter Unsinn. Am schönsten ist, wenn man gemeinsam zu einem Ziel kommt, das auch gemeinsam einleuchtet und verfolgt wird.

Wenn’s nicht allen sofort einleuchtet?

Dohnányi:

Dann bin ich demokratisch. Die Mehrheit ist wichtig. Letzten Endes muss aber schon einer das Sagen haben.

Wie ist es denn jetzt so, mit bald 85?

Dohnányi:

Es wird alles immer kürzer. Mensch sein und Beruf rücken näher zusammen – nach langer Strecke hoffentlich ein guter Endspurt. Spannend.

Gibt es in dieser Phase Ihrer Karriere, nach rund 60 Jahren, noch Ziele?

Dohnányi:

Oh, ja, das ist ja das Schöne. Je älter man wird, desto unerreichbarer werden die Ziele. Konzentration auf die Musik, von der wir genau wissen, dass wir sie kaum bewältigen können. Ein herrlicher Zustand.

Bis wann sind Sie verplant?

Dohnányi:

Die guten Projekte haben immer zwei, drei Jahre Vorlauf. Wir haben jetzt also einiges für 2017, und für 2016 sowieso. Wir planen „way beyond life expectancy“. Im Moment geht’s mir gut.

Wird ein Dirigent besser oder älter?

Dohnányi:

Das erste hoffentlich, älter sowieso. Man wird anders.

Niemand ist perfekt. Welche Karrierefehler haben Sie begangen?

Dohnányi:

Meine neun Jahre an der Frankfurter Oper mit Mortier waren eine sehr erfüllende Zeit. Dann kam Hamburg, was wesentlich war, um zu merken, wie sich Strukturen der großen Häuser verstaatlichen. Danach 20 Jahre Cleveland. Ich kannte kein besseres Orchester. Es folgten zwölf Jahre Philharmonia London. Nach Cleveland, London und einer kurzen Zeit mit dem Orchestre de Paris dann das NDR Sinfonieorchester. Diese Entscheidung war nicht falsch. Aber was mir vorschwebte, die Erfahrungen aus Cleveland und London mit dem NDR zu teilen – das ist mir nicht wirklich gelungen.

Zu Ihrem 80. haben Sie hier in Hamburg die neun Beethoven-Sinfonien dirigiert. Das Ende dieses Zyklus war nicht harmonisch, Sie gingen im Zorn vom NDR.

Dohnányi:

Zorn war das nicht. Eher Enttäuschung. Bei Karl Kraus heißt es: In zweifelhaften Fällen entscheide man sich für das Richtige.

Sind die Wunden von damals verheilt?

Dohnányi:

Ich habe keine gehabt und hoffentlich auch keine verursacht. Einen Beethoven-Zyklus dirigiert man nur zwei-, dreimal im Leben. Man braucht acht Holzbläser. Wenn fünf nicht zum Orchester gehören, sagt man sich: Das ist ein anderes System. Das kann ich gar nicht bewältigen und will es auch nicht. Ähnliches hatte ich weder in Cleveland noch in London erlebt.

Sie sind mit dem NDR-Orchester also wieder on speaking terms?

Dohnányi:

Es war nie anders. Für eines sollte mir das Orchester dankbar sein, das war meine Großtat: Wenn ich nicht gewesen wäre, hießen die Musiker heute Elbphilharmoniker. Damals gab’s von mir einfach ein Nein, und zwar gegen den gesamten Verwaltungsbetrieb. Ich habe gesagt: Ich bin kein Barkassendirigent, das mache ich nicht. Zu Hengelbrock sagte ich, wenn Sie anderer Meinung sind, nur zu. Er sah das genauso.

Sie sind nicht nachtragend, Sie vergessen nur nichts.

Dohnányi:

Nein, ich habe das Orchester wirklich gerne. Da gibt’s fabelhafte Musiker! Deswegen kam ich mit Enthusiasmus. Aber es gab Vorurteile, da kommt dieser strenge Perfektionist ... Ich mach gerne Musik, ich hab ganz gute Ohren. Ich will nur, dass es meiner Vorstellung so nahe kommt wie möglich. Vielleicht war es die falsche Partnerschaft.

Wie beurteilen Sie die Situation des Kulturformats klassisches Sinfonieorchester? Hat sich das alles bald überholt?

Dohnányi:

Es wird und muss sich vieles ändern. Wir sind in einer Zeit, in der Musik demokratischer wird, als es ihr zuweilen guttut. Das Elitäre in Kunst und Musik, das Vorbildliche muss erhalten bleiben. Ein Vorbild hat nun mal etwas Elitäres. Das hat nichts mit Arroganz zu tun. Wir beschäftigen uns ein Leben lang mit Dingen, die weit über uns stehen.

Und was ist mit Altersmilde?

Dohnányi:

Auf die darf man nicht reinfallen, das wäre ein Riesenfehler! (lacht) Ich bin es einfach nicht. In der letzten Zeit habe ich viel Musil und Heidegger gelesen. Und Heidegger spricht vom „weiten Willen“, der wäre entscheidend. Er meint, da kann man auch mal sagen, dies oder jenes ist mir nicht gelungen. Aber: Ich leide, wenn es nicht so gut wie möglich gelingt, was wir tun. Da sitzt ein Bruckner oder ein Beethoven und schreibt jahrelang an einer Symphonie, tüftelt und denkt, und dann kommt irgendeiner und sagt: Haben wir drauf. Das bleibt total unverständlich.

Als wir uns wegen Ihres 80. unterhielten, haben Sie gesagt: Nach außen muss ich überhaupt nichts mehr. Wie ist es jetzt?

Dohnányi:

Es wird immer dringender. Man wird sicherlich nachdenklicher.

Sie haben die beiden Hamburger Spitzenposten in der Oper und beim NDR durch. Welchen Rat würden Sie Simone Youngs Nachfolger Kent Nagano geben?

Dohnányi:

Ich würde ihm keinen Rat geben, sondern meine unverhohlene Meinung sagen. Das ist ein Vorteil des Älterwerdens. Keine Angst mehr zu haben. Aber die hatte ich eigentlich nie. Ich würde jeden warnen, wenn er glaubt, dass es hier einfach ist. Es ist nicht einfach, weil die Stadt vornehmlich Handelsstadt ist. Kunst ist hier weniger ein inneres Muss. Hamburg hat sich viele Künstler geholt, auch erstklassige. Manche sind sogar geblieben. Doch habe ich auch erlebt, dass man jemand mit höchstem Kunstverstand vertrieben hat, Gérard Mortier von der Staatsoper.

Alles wieder gut mit Hamburg?

Dohnányi:

Ich war nie böse auf die Stadt. Nur einmal habe ich mich eben wirklich über sie geärgert: als der damalige Kultursenator, er trug eine Fliege, mir den Mortier herausgeekelt hat. Liebermann holte ihn sofort nach Paris. Von dort ging dann Mortiers Riesenkarriere los.

Wie beurteilen Sie die Arbeit Ihres NDR-Nachfolgers Thomas Hengelbrock?

Dohnányi:

Dazu kann ich nichts sagen, ich habe bislang bewusst wenig gehört. Aber ich weiß, dass er ein begeisterter Musiker ist, und das Orchester mag ihn sehr gern.

Geburtstagskonzerte mit einem der hiesigen Ex-Orchester gibt es nicht, Sie gastieren am 9.10. mit dem Philharmonia in der Laeiszhalle. Gab es keine Ideen aus Hamburg, war diese Planung Absicht?

Dohnányi:

Weder noch. Wir wollten mit Philharmonia, wo ich Honorary Conductor for Life bin, nach Berlin und nach Hamburg, weil das meine Heimatstädte sind. Und dann kamen noch Paris und London auf den Konzertplan.

Die Zukunft Hamburgs müsse großstädtischer sein, sagten Sie 2009, man gebe sich hier viel Mühe, aber Sie würden das Powerplay nicht spüren. Wie ist Ihre Meinung zur Kulturstadt jetzt?

Dohnányi:

Hamburg hat dieses Stadtstaatliche. Die Leute sind sich oft nicht so klar darüber, aber alles, was hier, auch in der Kunst geschieht, bezahlt der Stadtstaat. Da hat es zum Beispiel München besser. Bayern übernimmt vieles. Das sorgt in Hamburg für ein gewisses Mauerdenken. Die Relevanz der Kultur entspricht aber auch dem Bedürfnis.

Ist es für Sie denkbar, sich einen Termin zum Aufhören zu setzen?

Dohnányi:

Solange ich noch Musik machen kann, noch einigermaßen gut höre und es kräftemäßig im Griff habe, warum sollte ich nicht weiter dirigieren?

Machen Sie jetzt beim Dirigieren Ihre Fehler auf höherem Niveau als früher?

Dohnányi:

Fehler machen ist nichts Unanständiges. Man muss sie aber auch erkennen können, um sie in Zukunft zu vermeiden. Es sollte kein Alter geben, in dem man keine Fehler macht. Das wäre ja zu langweilig.