Staatsoper

Hamburger Ballett-Tage: Tatjanas Traum-Leben als Lebenstraum

| Lesedauer: 5 Minuten
Monika Nellissen

Das Ballett „Tatjana“ von John Neumeier eröffnet die Hamburger Ballett-Tage an der Staatsoper. Neben tänzerischen Stärken zeigt der Abend aber auch Schwächen.

Hamburg. Aus vollkommener Finsternis richtet sich langsam Licht auf zwei schwarz gekleidete Gestalten, Sekundanten, die das Duell Eugen Onegins mit Vladimir Lensky begleiten. Schüsse fallen. Onegin rennt und rennt, Lensky, den Alexandr Trusch mit bemerkenswerter Intensität verkörpert, hadert verzweifelt mit seiner Komponierblockade – aus dem Dichter Lensky wurde ein Komponist –, während seine Verlobte Olga (Leslie Heylmann ist entzückend) die Liebe und das Leben genießt.

Tatjana hockt derweil verträumt in ihrer Fensterecke und knuddelt ihren Riesenbären. Achtung: russisches Symbol für Kraft, Gefahr, aber auch für Schutz. Episode folgt auf Episode in filmischen Schnitten und Überlappungen, mit Erinnerungen und Vorahnungen, Vor- und Rückblenden, Träumen und realen Sequenzen. Das Leben als Traum, auch als Albtraum, knappe drei Stunden lang.

„Tatjana“ heißt das Ballett von John Neumeier, mit dem die 40. Hamburger Ballett-Tage in der Staatsoper eröffnet wurden, und das mit reichem, aber keineswegs nicht enden wollenden Jubel, wie ihn Neumeier gewohnt ist, bedacht wurde.

John Neumeier hat es mit allem Respekt gewagt, mit einer Neufassung von Alexander Puschkins Versroman „Eugen Onegin“ zum legendären „Onegin“-Ballett von John Cranko einen Kontrapunkt zu setzen. Mit dem Fokus auf die traumsüchtige, in Onegin heillos verliebte und von ihm abgewiesene Tatjana. Auf ihre Entwicklung vom jungen Mädchen zur reifen Frau, die aus Vernunftgründen einen reichen Fürsten heiratet. Hochgespannt waren die Erwartungen. Sie wurden nur partiell erfüllt, obwohl glänzend getanzt und von den Philharmonikern unter Simon Hewett untadelig gespielt wurde.

Es bedeutet schon Mut, einem kultisch verehrten Meisterwerk, wie Crankos Ballett es nun einmal ist, etwas entgegensetzen zu wollen. Doch sind knappe 50 Jahre nach dessen Uraufführung in Stuttgart vergangen, Zeit genug also, um etwas anderes zu kreieren. Es war schließlich nicht Neumeiers Absicht, ein besseres Ballett zu schaffen, als es John Cranko mit seinem noch heute gültigen Geniestreich gelang, sondern etwas anderes.

Gänzlich anders ist „Tatjana“ tatsächlich, doch ist alles stilistisch und in der historischen Zuordnung so unentschieden, bisweilen sogar altbacken, dass man sich fragt, ob dieses Ballett „Ewigkeitswert“ hat wie andere Werke Neumeiers. Es sei denn, er und die Komponistin Lera Auerbach könnten sich dazu durchringen, das Werk ganz entschieden zu kürzen.

Dass Neumeier sich verplappert, wo Puschkin in lakonischer Kürze den Leser in Spannung hält, dass er in choreografischen Wiederholungsschleifen auf der Stelle tritt, wo ein Fortschreiten der Handlung angesagt wäre, dass er Personen in Fülle auftreten lässt, die Puschkin in Nebensätzen erwähnt und die bei Nichtkennern des Romans für Verwirrung sorgen könnten, das ist nicht in erster Linie ihm anzulasten, sondern Lera Auerbach, die in üppiger orchestraler Fülle – mit gelegentlichen, thematisch bedingten solistischen Einsprengseln für Geige, Cello und Singende Säge – unbeirrt durch die Handlung pflügt. Hier hätte es dringend einer musikdramaturgisch regulierenden Hand bedurft, der einschläfernden, permanent sich wiederholenden Musikrhetorik ohne wirklichen Spannungsbogen Einhalt zu gebieten. Auerbachs Selbstverständnis, das reichlich von musikhistorischen Zitaten zehrt, war hier wohl nicht zu knacken.

Dabei kennt Neumeier, der für Bühne, Kostüme und das Libretto verantwortlich zeichnet, die Komponistin aus verschiedener Zusammenarbeit. Dass dieser Auftrag an sie Mühsal bedeutete, lässt sich aus einer vorsichtigen Bemerkung Neumeiers ablesen: „Es ist sicher keine Musik, die immer genau in die Richtung geht, in die ich gern getragen würde. Eher fordert sie mich auf, einen eigenen Dialog mit ihr zu führen und sehr viel choreografische Kraft mitzubringen, um ein Pendant zu ihr zu entwickeln.“ Dieser gewünschte Dialog, die beflügelnde Kraft einer kollegialen Partnerschaft, das Miteinander- und nicht Aneinandervorbeireden, war in nur wenigen, glücklichen Augenblicken zu spüren. Zumal im zweiten, dem stärkeren Teil.

Hier bewies sich dann auch Neumeiers unverminderte Stärke, bezwingende Pas de deux zu choreografieren. Wenn die wundervoll sensitive Hélène Bouchet als Tatjana mit dem großartigen Carsten Jung als deren Gatten tanzt, dann wird deutlich, dass nicht nur Vernunft diese Ehe gestiftet hat, sondern das Vertrauen, ja sogar Liebe diese Verbindung festigen.

Ganz anders im letzten Pas de deux zwischen Onegin (Edvin Revazov) und Tatjana: Er gleicht einem verzweifelten Kampf, einem Ringen mit sich, ihren Körpern und ihren Gefühlen, bis zur Erschöpfung. Onegin, der einst Schnöselige und vom Leben Gelangweilte, auf der Flucht vor sich selbst und den Erinnerungen, hat erkannt, dass er Tatjana liebt. Die nimmt am Ende ganz ruhig seinen Kopf und küsst ihn auf den Mund. Neumeier geht hier viel weiter, als Puschkin es beschreibt. Dann setzt sie sich in ihre Fensterecke, das Traum-Leben als Lebenstraum geht weiter.