Kritik

St. Pauli Theater: Lass uns über das Böse reden

| Lesedauer: 4 Minuten
Armgard Seegers

Wilfried Minks inszeniert „Waisen“ am St. Pauli Theater als Zimmerschlacht über brüchig werdende Werte. Auf der Bühne: Judith Rosmair, Uwe Bohm und Johann von Bülow.

Hamburg Das junge Ehepaar, das da beim Abendessen zu Hause genüsslich langsam ein Stück Möhre von ihrem Mund in seinen, in ihren, in seinen gleiten lässt, will offensichtlich etwas Besonderes feiern. Helen hat sich sexy angezogen, das kleine, sehr kleine Schwarze und High Heels. Danny wirkt lässig. Hmm, ah, gerade kommt so richtig knisternde Stimmung auf, da stürzt Liam in die Wohnung, Helens Bruder. Er ist blutverschmiert, rennt aufgeregt hin und her und faselt fahrig irgendwas von einem Jungen, den er verletzt auf der Straße liegend gefunden habe. Er habe ihm helfen wollen, der Junge sei dann aber wortlos aufgesprungen und weggelaufen.

Der Schreck über den unerwartet einbrechenden Gast ist gar nichts angesichts der Schrecken, die sich nun verbal in dem knapp zweistündigen Stück „Waisen“ des englischen Dramatikers Dennis Kelly ausbreiten, das Wilfried Minks am St. Pauli Theater inszeniert hat. Denn während des Kreuzverhörs, das Helen und Danny mit Liam starten, entpuppen sich moralische Werte und Übereinkünfte, ja, auch die Beziehung des Ehepaars, als brüchig und kinderleicht umzustoßen.

Danny möchte rausgehen, dem Jungen, der verbluten könnte, helfen. Aber Helen bittet ihn, nicht die Polizei zu rufen, denn ihr Bruder ist vorbestraft. Und was nun zwischen den Dreien verbal verhandelt wird, was Hilfsbereitschaft, Familienbande, Wahrheit, Gewalt und Gerechtigkeit bedeuten, darüber entbrennt eine veritable Zimmerschlacht. Die Frage, wie gut man diejenigen kennt, die einem am nächsten sind, hat sich gewiss jeder Mensch schon mal gestellt. Sie ist das Zentrum des Dramas. Aber es geht auch um andere Wahrheiten: Wie leicht kann man seine als unumstößlich geglaubten Wertvorstellungen vergessen? Ist auch der moderne, friedliebende Mensch zu Gewalt fähig? Wann wird man schuldig? Wem schuldet man Loyalität? Ist man weltfremd, wenn man sich zu Hause abschotten will gegen die Gewalt da draußen?

Wilfried Minks und sein Ensemble erzählen das gut gebaute, aber leicht dämonisch überzeichnete Stück in vier Szenen, ohne moralisch zu werden. Uwe Bohms Liam ist eine gehetzte, egozentrische Nervensäge, ständig darum bemüht, von seiner Schwester und dem Schwager Liebesbeweise einzufordern. Er hat einen Nazi zum Freund, treibt sich herum, aber Schuld an allem sind immer die anderen. Schließlich sind er und seine Schwester Waisen, da kann man schon mal durchdrehen, findet er. Bohm gibt Liam etwas Schutzloses, aber auch Verschlagenes. Am Ende, wenn sich herausstellt, dass auch sein ach so sanfter Schwager zur Gewalt fähig ist, bleckt er die Zähne und zeigt eine Brutalität, die nur die Wahrheit der Straße kennt. Er ist voller Hass, Fremdenhass vor allem, und er wünscht sich, dass es keinem anders gehen sollte, „dass du von deinem scheißhohen Ross runtergezerrt wirst“, wie er Danny ins Gesicht schreit.

Denn Danny, der das alles der Polizei melden möchte, wird nach und nach von seiner Frau getrieben, seine vernünftigen Bedenken aufzugeben, um der Familie willen. Die da draußen oder wir hier drinnen, heißt es für sie. Wobei nicht sicher ist, wo sich nun eigentlich die Hölle befindet.

Judith Rosmairs Helen erscheint zunächst wie ein süßes, kleines Frauchen. Geht es darum, ihren Bruder zu verteidigen, kann sie aber schnell zur Furie werden. Zwischen fauchendem Zorn und girrendem Locken überredet sie ihren Mann, hinauszugehen und den blutenden Jungen aufzufordern, Liam nicht anzuzeigen. Nachdem Liam sich in allerlei Widersprüche verwickelt hat, geht Danny los und findet einen muslimischen Mann, den Liam gefoltert, gefesselt und fast getötet hat. Danny droht nun dem Geschundenen ebenfalls. Ob der das überlebt, bleibt am Ende offen.

Johann von Bülow spielt das alles mit sehr authentischer Normalität, den liebenden Mann ebenso wie den Verzweifelten, den Angestachelten, den Täter, der keiner sein will. Auch nach seiner Attacke ist er sich als Einziger bewusst, dass er Unrecht begangen hat. Helen dagegen, die süße kleine Helen, kann zum Biest werden, zur Kuschelkatze, zur launischen Zippe, zur eiskalten Opportunistin. Hauptsache, sie bekommt, was sie will. Ein bisschen emotionale Zurückhaltung hätte allerdings sowohl bei Liam als auch bei Helen das Erschrecken über ihre Maßlosigkeit verstärkt.

Weitere Vorstellungen: täglich bis 16.3. (außer Mo)