Gelungene Premiere am Thalia Theater

Haußmanns „Die Möwe“ schießt den Vogel ab

Mit der schwarzen Komödie „Die Möwe“ von Anton Tschechow landet Regisseur Leander Haußmann bei seiner Premiere am Thalia Theater einen Volltreffer. Die Aufführung ist ein Fest des Schauspiel-Theaters.

Hamburg. Regisseur Leander Haußmann landet am Thalia Theater einen Volltreffer: „Die Möwe“ – Anton Tschechows schwarze Komödie mit weißem Federvieh –, gerät ihm zu einem Fest des Schauspieler-Theaters. Haußmann sprang vor vier Wochen für Regisseur Yannis Houvardas ein, der die Arbeit abgebrochen hatte.

Die Freude über die erstklassig besetzten Nebenrollen beginnt bereits beim ersten Auftritt des Gutsbesitzers Sorin (Wolf-Dietrich Sprenger), dessen Anwesen der Schauplatz des Geschehens ist. Hypochonder Sorin, mal im Rollstuhl, mal mit Gehhilfe, mal schwer schlurfend zu Fuß unterwegs, ist der Prototyp der Haltung, die sämtliche Figuren eint: Es geht ihm miserabel, er ist unglücklich, er jammert. Sprenger probiert das quasi stückintern auf die stärkste Wirkung hin, hinreißend. Hoffnungslosigkeit eint das dramatische „Möwe“-Personal im irdischen Jammertal der russischen Provinz. Allerdings jammern alle auf unterschiedlichem Niveau, unabhängig von finanziellem oder beruflichem Erfolg, ganz gleich ob jung oder alt, ob des unerreichbaren Glücks in Kunst oder Liebe.

Möwenschütze Konstantin (Sebastian Zimmler), der aufstrebende Dichter, nimmt in seiner Person den Existenzialismus voraus, der gut 50 Jahre später das Zeitalter des Selbstmordes proklamieren wird. Ohne jede Chance rebelliert Konstantin gegen seine Übermutter Irina (Barbara Nüsse), eine kluge und total egomanische Diva, die keine Gelegenheit auslässt, ihn wegen seiner Mittelmäßigkeit herunterzuputzen.

Die Nüsse macht das umwerfend, geht in Eigenlob und Szenemacherei bis an die Schmerzgrenze. Das aber kennt Konstantin, das bringt ihn nicht um. Tapfer kämpft Zimmler und hält Nüsse stand. Dass die von ihm angehimmelte Nina (Birte Schnöink), das Nachbarsmädchen im möwenweißen Unschuldskleid, nichts von ihm wissen will, das aber bricht ihm das Herz. Ausgerechnet dem öden Bestsellerautor Trigorin (Jenz Harzer) wirft sich Nina („Ich bin die Möwe“) an den Hals.

Vieles wird in der ersten komischen Schlüsselszene der von Haußmann nicht in einer bestimmten historischen Epoche angesiedelten Inszenierung deutlich. Konstantin bringt gemeinsam mit Nina ein Theaterstück neuer Form zur Aufführung, rennt mit einem Nebelwerfer ins Publikum, überschüttet sich und Nina mit Benzin aus einem Kanister, entzündet ein Streichholz, löscht es im Mund und schleudert seinem Publikum auf der Bühne seinen jugendlichen Zorn aufs Establishment entgegen. Das Spiel im Spiel muss abgebrochen werden. Man rettet sich in Mitleid. Trigorin entpuppt sich als kompletter Ignorant. Dabei lassen er und Konstantin sich als gespaltenes Alter Ego Tschechows begreifen, als zwei Seiten der gleichen Schriftsteller-Medaille.

Dass Nina Konstantin verschmäht, tut auch der bösen Irina weh, denn Trigorin ist ihr Geliebter, als er Nina kennenlernt. Die nicht erwiderte Liebe als Sinnbild des versagten Glücks ist denn auch das zentrale Motiv des Stücks, das in aller Komödienbreite variiert wird. Nicht nur Konstantin, der russische Provinz-Hamlet, liebt vergeblich. Ihm selbst ist Mascha (Marina Galic) verfallen, von der er aber partout nichts wissen will. Also heiratet sie ihren hartnäckigen Verehrer, einen Softie, den Lehrer Semjon (Julian Greis). Da die Ehe unglücklich verläuft, nutzt Haußmann die Gelegenheit und inszeniert eine prächtige Prügelei zwischen den Eheleuten, in der eine biestige Mascha ihren Gatten brutal zusammenschlägt. Selbst Schuld, er hat angefangen.

Hier geht ständig wie aus heiterem Himmel für jeden die Welt unter

Danach sitzen sie wieder friedlich, er blutend, gemeinsam am Tisch, als sei nicht gerade die Welt untergegangen. Dabei geht hier ständig wie aus heiterem Himmel für jeden die Welt unter. Auch Polina (Cornelia Schirmer), die Gattin des Gutsverwalters (Alexander Simon), liebt vergeblich den Arzt Dorn (Matthias Leja), einen Don Juan außer Dienst. Dieser Zyniker, in Lejas Variante erinnert er streckenweise an den „Tatort“-Professor-Börne aus Münster, verschreibt seinen Patienten durch die Bank nur noch Baldrian – völlig unbeeindruckt vom tatsächlichen Leiden. Krank sind ja schließlich irgendwie alle.

Das Bühnenbild von Katrin Nottrodt zeigt sinnbildlich ein blutrotes, transparentes Stoffbahnen-Karree, das zunächst wie ein Kaminschlot hoch hängend in den Himmel führt. Darin fliegt dann und wann ein weißes Vögelchen im Kreis, das wohl die Möwe sein soll, obwohl das mechanisch ratternde Ding eher wirkt wie eine übermotiviert flatternde Friedenstaube – bevor sie abgeschossen wird. Später senkt sich der Vorhang, öffnet sich und bildet die Kulisse für die trauerkerzenbeladene Tafel des letzten Bildes. Draußen erschießt sich Konstantin.

Die Abendmahlsgesellschaft der Gutsbesucher, die sich zwei Jahre nach den ersten Begegnungen wiedertrifft, hält bei Haußmann im stimmungsvoll-gruftigen Kerzenschein einen Vorab-Totenschmaus. Im Hintergrund röchelt Tom Waits , dazu Paartanz. Der schließlich erwartungsgemäße Schluss besiegelt nur die allgemeine Ahnung.

Die letzte Begegnung Konstantins mit Nina zuvor ist eine der stärksten Szenen. Nina bekam ein Kind von Trigorin, aber der hat sie sitzen lassen, und das Kind ist tot. Sie könnte mit Konstantin gehen, hängt aber immer noch Trigorin nach, kann also doch nicht. Konstantin hat beruflich Erfolg und könnte vergeben, aber er hat aufgegeben, kann also auch nicht. Schnöink und Zimmler gelingt hier ein großer, wahrer Moment im ungläubigen Staunen und Starren. Der Großdichter Trigorin aber bleibt auch in Gestalt seines Darstellers Harzer unerreicht: Der spielt beängstigend gut den ganz entrückten, immer nur für schmerzhafte Momente in die Wirklichkeit eintauchenden Schnösel.

„Die Möwe“, Thalia Theater, Termine: 25. Februar; 8., 9. ,21., 26. März