Geschichte

Was Hamburger 1933 in ihren Tagebüchern notierten

Eine neue Veröffentlichung mit Tagebücher von vier Hamburgern aus dem Jahr 1933 zeigt, dass sich die Wahrnehmung von Zeitgenossen oft erheblich vom späteren Urteil der Historiker unterscheiden.

Hamburg. Am 6. Februar 1933 ziehen siegestrunkene Nazis durch Hamburgs Straßen und feierten mit etwas Verspätung Hitlers Ernennung zum Reichskanzler. Auch Luise Solmitz, die diese Szene am Straßenrand beobachtet, ist begeistert und verbindet ihre Hoffnungen mit Hitler. „Ein wunderbar erhebendes Erlebnis für uns alle“, schreibt sie am Abend in ihr Tagebuch, in dem sie den Aufmarsch ausführlich schildert. Eher beiläufig notiert sie: „,Juda verrecke‘, wurde auch mal gerufen und vom Judenblut gesungen, das vom Messer spritzen solle.“ Als sich die Hamburger Lehrerin, die mit einem Juden verheiratet ist, nach Kriegsende an die maschinenschriftliche Transkription ihres Tagebuchs macht, scheint sie über diese Formulierung irritiert zu sein und fügt daher in eckiger Klammer die entschuldigende Bemerkung hinzu: „Wer nahm das damals ernst?“

Für die Geschichtsschreibung gelten Tagebücher heute als besonders authentische Quellen, da sie im Gegensatz zu Memoiren ohne nachträgliches Wissen persönliches Erleben dokumentieren. „Sie sind nicht durch besondere Erinnerungskonstruktionen gekennzeichnet. Die Verfasser schreiben in der Regel ihre Eindrücke abends auf. Daher können wir hier etwas über die unmittelbare Wahrnehmung von historischen Ereignissen durch die Zeitgenossen erfahren“, sagt der Zeitgeschichtler Frank Bajohr, der gemeinsam mit seinen Kollegen Beate Meyer und Joachim Szodrzynski vom Institut für die Geschichte der deutschen Juden und der Forschungsstelle für Zeitgeschichte jetzt die Tagebücher von vier Hamburgern aus dem Jahr 1933 in einer kommentierten Buchausgabe veröffentlicht hat. Neben der bereits zitierten Luise Solmitz handelt es sich um die Aufzeichnungen des jüdischen Rechtsanwalts Kurt Fritz Rosenberg, des Bankiers Cornelius Freiherr v. Berenberg-Goßler und des kritischen Intellektuellen Nikolaus Sieveking.

Während Rosenberg als Jude persönlich gefährdet ist, Berenberg-Goßler und Sieveking die Machtetablierung der Nationalsozialisten dagegen distanziert bis ablehnend verfolgen, steht Solmitz in einem bemerkenswerten Dilemma. Einerseits ist sie eine begeisterte Nationalsozialistin, will aber zugleich zu ihrem jüdischen Mann loyal bleiben. „Ihr Tagebuch macht besonders deutlich, dass die Machtübernahme nicht nur von oben verordnet war, sondern tatsächlich durch eine Begeisterungswelle getragen wurde. Für diese ‚Machtübernahme von unten‘ bietet gerade ihr Tagebuch eine Fülle eindrucksvoller Belege“, sagt Bajohr. Tatsächlich steht Solmitz für eine Art Selbstmobilisierung im Sinne des neuen Regimes, die so weit geht, dass sie ihren eigenen Bruder – einen erklärten Nazi-Gegner, der allerdings 1933 ausgerechnet ins Reichspropagandaministerium berufen wird – in Zusammenarbeit mit ihrem jüdischen Ehemann denunziert.

Alle vier Tagebücher zeigen aber auch, dass sich die Wahrnehmung der Zeitgenossen von der späteren Einschätzung der Historiker teilweise erheblich unterscheidet. So empfinden die sehr unterschiedlich geprägten Autoren zum Beispiel Hitlers Ernennung zum Reichskanzler am 30. Januar nicht als das Datum des großen Umbruchs, zumal die neue Regierung ja zunächst noch nicht rein nationalsozialistisch ist. Am deutlichsten wird diese Einschätzung bei Nikolaus Sieveking, der Hitlers Ernennung mit höhnisch-abfälligen Bemerkungen quittiert und von dessen baldigen Scheitern ausgeht. „Im Grunde genommen betrachten die Tagebuchschreiber erst den März mit Reichstagsbrand und Ermächtigungsgesetz als den zentralen Einschnitt, dessen Veränderungen auch im Alltag deutlich werden“, sagt Frank Bajohr.

Während die Machtübernahme für Rosenberg sofort mit dramatischen beruflichen Diskriminierungen verbunden war, änderte sich im Alltag von Cornelius von Berenberg-Goßler zunächst bemerkenswert wenig. Den 1. April, den Tag des mit blutigen Ausschreitungen verbundenen reichsweiten Boykotts jüdischer Geschäfte verbrachte der Bankier zum Beispiel bei einer Fuchsjagd in Großbritannien. „Er bewegte sich nach wie vor in einem Milieu, das beinahe aus der Zeit gefallen zu sein schien und noch an das 19. Jahrhundert erinnert“, meint Bajohr: „Die Herren frühstücken gemeinsam in ihrem Club, dann gehen sie zur Börse und machen anschließend ein Nickerchen. Und das geschieht in einer Zeit, in der sich der Nationalsozialismus die Mobilisierung des deutschen Volkes auf die Fahnen geschrieben hat.“

Obwohl alle vier Autoren dem bürgerlichen Milieu angehören, beurteilen sie einzelne Ereignisse höchst unterschiedlich. So berichtet Luise Solmitz, dass ihre Nachbarinnen beim Handschlag von Hitler und Hindenburg am „Tag von Potsdam“ vor Ergriffenheit kollektiv geweint hätten, während Sieveking dasselbe Ereignis als abstoßendes Spektakel bezeichnet und emotional vollständig auf Distanz bleibt. „Das Bild des Jahres 1933 wird durch das Ausmaß der Begeisterung bestimmt, das der Nationalsozialismus entfachen konnte, andererseits aber auch durch Ablehnung, Zwang und Terror. Für beide Aspekte bieten die Tagebücher Beispiele“, meint der Historiker Frank Bajohr.

Besonders eindrucksvoll ist die Ambivalenz in der Haltung von Luise Solmitz. So notiert sie am Silvesterabend: „1933 hat uns das Dritte Reich gebracht, mit ihm ist für uns persönlich eine harte Nuss zu knacken: die Arierfrage“, fügt aber hinzu. „Ein überaus glückliches Jahr, es ließ uns gesund und beieinander, brachte uns eine herrliche Ruhe und dem Haus die Zentralheizung.“ Auf die Zukunft des Jahres 1934 blickt die Lehrerin „Mit Gott und mit Heil Hitler“.

„Bedrohung, Hoffnung, Skepsis – Vier

Tagebücher des Jahres 1933“ Frank Bajohr, Beate Meyer, Joachim Szodrzynski, Wallstein Verlag,

494 Seiten, 34,90 Euro