Den wilden Max markieren

Ensemble-Neuzugang Pascal Houdus spielt ab Sonntag die Hauptrolle in „Bei den Wilden Kerlen“ im Thalia Theater

Hamburg. Das Thalia-Ensemble stützt sich auf viele starke männliche Protagonisten. Seit dieser Spielzeit hat die junge Riege noch einmal Verstärkung bekommen. Pascal Houdus ist neu an Bord und nach sechs Jahren Berlin gerade richtig angekommen in Hamburg. Abgeliefert hat er schon einiges. In „Revolver-Traum“ nach Lola Arias spielt er pointiert einen jungen Mann in einer Beziehungskrise. In „Bye Bye Hamburg“ gab er den montierten Auswanderergeschichten ein kraftvolles Gesicht. In Wolfgang Herrndorfs Dauerbrenner „Tschick“, erlebt er als 14-jähriger Titelheld ein Roadmovie durch die ostdeutsche Provinz, der das Wunder der Freundschaft erfährt.

Nun spielt er sich im Alter noch weiter nach unten. Ab diesem Sonntag ist er der achtjährige Max in Christina Rasts Uraufführung der Theateradaption des Romans „Bei den Wilden Kerlen“, die Dave Eggers nach Maurice Sendaks Bilderbuch „Wo die wilden Kerle wohnen“ verfasste. „Es ist schon ein wahnsinniges Gefühl, vor diesen drei Rängen voller Menschen zu spielen“, sagt Pascal Houdus. Von Scheu vor der Aufgabe keine Spur in seinem wachen, von dunklen Locken eingerahmten Gesicht. Als Rebell geht er mühelos durch.

Mit seinen 26 Jahren strotzt Houdus vor Selbstvertrauen. Dass er da oben auf die Bühne gehört, stand für den Sohn eines französischen Dolmetschers und einer holländisch-deutschen Lehrerin aus Westfalen seit dem Abitur fest. Houdus sprach an Schulen in Leipzig, München, Rostock und Berlin vor und hätte bis auf München überall anfangen können. Nach absolviertem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin konnte er zwischen Hamburg und Frankfurt wählen. Neue künstlerische Heimat wird das Thalia Theater, gleich mit der Hauptrolle in „Tschick“. „Das war sehr prägend für mich“, sagt Houdus. „Regisseur Christopher Rüping und ich sprechen eine gute Sprache miteinander. Er spielt mit den Ebenen von Schauspieler und Figur und nie mit vierter Wand.“ Das direkte Anspielen des Publikums liegt ihm. Es wird ihm auch helfen, wenn er ab diesem Sonntag den wilden Max auf der großen Bühne markiert.

„Ich kannte das Bilderbuch natürlich und habe das mit einer Mischung aus Anziehung und Grusel gelesen“, sagt Houdus. Als Max wird er zum richtig wilden Kerl, einem, der Wolfskostüm trägt und am liebsten laut nach seinem eigenem Kopf heult. Von der pubertieren Schwester unverstanden, von der Mutter wegen seiner Wildheit mit Zimmerarrest belegt, träumt sich Max voller Trotz auf eine Insel, wo ihm allerlei monsterhafte Gesellen begegnen. Ausgeburten seiner Fantasie oder gar Teile seiner Persönlichkeit? Max sieht sich mit seiner Wut und seinen Ängsten konfrontiert. Bald wird er zum König der Wuschel-Wesen, muss jedoch Machtkämpfe austarieren und ist überfordert von ihren Wünschen. Sein kindlicher Narzissmus schrumpft zusammen. „Am Ende steht die Erkenntnis, ich bin gar kein König, ich bin nur Max, und das ist okay“, so Houdus. Bis dahin erfährt er durch die anschmiegsame Katharina eine frühe Liebesbegegnung und muss sich mit den Folgen eines angezettelten Krieges auseinandersetzen.

Fast nebenbei streift der Stoff große menschliche Fragen. Max ist beunruhigt, als er erfährt, dass die Sonne eines Tages explodieren wird und die Welt zu Ende geht Er fühlt sich ernst genommen, als Carol fragt: „Soll ich sie auffressen, König?“ Glücksutopien sind ein weiteres Thema. Schon in seinem Zimmer wollte Max einen Iglu als Zufluchtsort bauen, auf der Insel errichtet er ein Fort.

Die Umsetzung der Abenteuer auf der Bühne verlangt vollen körperlichen Einsatz. „Am Ende steht das Wasser in unseren Schuhen“, so Houdus. Die Bühne kommt mit wenigen wandlungsfähigen Requisiten aus. Zeichnungen liefern comichafte Bilder. Die bekannte Hamburger-Schule-Band Kante steuert aus dem Orchestergraben sowohl neue Songs als auch Atmosphärisches bei.

Der Erfolg des Stoffes in Film und Buch ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass das Bilderbuch nur aus 333 Wörtern und 19 Illustrationen besteht. Die Genese der Thalia-Uraufführung wurde zum Hindernislauf. Da der Filmregisseur Spike Jonze den Stoff 2009 zunächst auf Basis eines Drehbuchs von Dave Eggers und Michael Goldenberg verfilmt hatte und Eggers erst anschließend den Roman verfasste, mussten die Rechte an insgesamt vier Stellen eingeholt werden. Ein Prozess, der sich monatelang hinzog. Beinahe hätte die Premiere um ein Jahr verschoben werden müssen.

Musste sie zum Glück aber nicht, und so hat Pascal Houdus an diesem Sonntag seinen großen Auftritt. Bevor er den wilden Kerl gibt, wird er aber noch einmal zum Hamburger Balkon spazieren und die frische Elbluft in seine Lungen saugen. Hamburg ist jetzt seine Bühne.

„Bei den wilden Kerlen“ Premiere So 10.11., 14.00, Thalia Theater, Alstertor, Karten T. 32814444