„Wir geben immer mehr“

Drei-Gänge-Menü, 260 Gäste, 145.000 Euro Erlös: Die Hamburgische Kulturstiftung lud zum Stiftermahl ins Rathaus

Hamburg . Eine der 34 Servicekräfte witzelt beim Gläsertransport, bevor es ernst wird und die ersten Gäste kommen. „Am Ende machen wir Taschenkontrolle.“ Das gute Senatssilber, schwer wie Türstopper, aber entschieden wertvoller, liegt auf den edlen Tischdecken im Großen Festsaal und so ein Löffelchen mit Wappen wäre da womöglich schnell zur inoffiziellen Dauerleihgabe gemacht. Doch an diesem Abend dürfte das Risiko solcher Verluste ziemlich klein sein.

Stiftermahl, 25. Geburtstag der Hamburgischen Kulturstiftung. Stiftermahl-Abend im Rathaus, das ist der lohnendste und daher wichtigste Abend des Jahres für Kulturstiftungs-Chefin Gesa Engelschall. Was an diesem Abend zwischen 18 und 23 Uhr reinkommt an Gaben, Geld und geldwerten Versprechen, das muss lange halten für die Randbereiche der Hamburger Kultur, die es ohne noch schwerer hätte. Das weiß natürlich auch jeder in der Gästeschlange, die sich am Eingang zum Bürgermeistersaal staut, um vom Stiftungsvorstand Klaus Landry zur Begrüßung freundlich besmalltalkt zu werden. Der Stundenlohn für das wochenlange Organisieren und den Sitzplan-Feinschliff wird beachtlich sein, am Tag danach ergibt der Kassensturz rekordverdächtige 145.000 Euro.

Stiftermahl, 25. Geburtstag. Gesetztes Essen an 18 Tischen in Hammonias allerbester Stube. Zum Warmflanieren werden Rotwein- oder Curry-Heringsbrötchen-Miniaturen gereicht, grazil aufgespießt wie Schmetterlingsraupen. Die Klangtapete liefern vier Blechbläser von der Musikhochschule, Barockes vor allem, am Treppenaufgang platziert zwischen den Büsten von Herbert Weichmann und Max Brauer. Hanseatische Ewigkeitswerte satt, schon vor Steinpilz-Consommée mit Topfen-Ravioli & Wurzelgemüse.

Stiftermahl. Man kennt sich hier. Die wahrgenommenen Kulturtermine der frischen Spielzeit werden kurz und entschieden durchdekliniert, wie die wichtigsten Boutiquen-Schaufenster am Neuen Wall von Eppendorfer Gymnasiastinnen nach dem Hockeytraining. „Neulich war ich beim Überjazz..“, „Kennen wir uns nicht von...?“ „Also, ich fand ja...“

Sommerfestival-Intendant András Siebold lächelt daneben ganz dezent – und krawattenfrei – in sich hinein. Er war schon öfter als „Kulturjoker am Tisch“ eingeladen. Als Kreuzung aus Tischdeko und Welt-Erklärer, der Kampnagel fließend ins Elbvorortische übersetzen könnte, falls die performative Immanenz interkultureller Off-Theater-Inszenierungen und Crossover-Konstellationen sich einer prinzipiell großzügigen Honoration nicht sofort erschließen sollte.

Wichtige Menschen im dunklen Zwirn, der nicht nach Stange aussieht, checken am Spielfeldrand noch schnell ihre Mails. Im Nebenraum werden die aufgeregten Kinder des „Young ClassX“-Chors gebändigt, die wenig später fröhlich ihr „Singen macht Spaß, Singen tut gut“ ins Kronleuchter-Dämmerlicht krähen.

500 Euro pro Platz fürs Drei-Gänge-Menü hatte jeder hier überwiesen. Kein Weinglas bleibt in den nächsten Stunden lange leer, denn später am Abend steht noch die Auktion „Kulturerlebnisse, die man nicht kaufen kann“ auf dem Ablaufplan.

Eindeutiger Verkaufsschlager bei den Unikaten ist das St. Pauli Theater: 7400 Euro für sechs Karten für „Kunst“, danach darf man mit den drei Hauptdarstellern auf eine Nudel ins Cuneo und Stephan Schad haut schon mal eine Witz-Kostprobe raus: „Kommt ein Arzt zum Arzt, sagt der Arzt: Macht zehn Euro.“ Bei ebenfalls 7400 Euro fällt der Hammer der bekennenden Auktions-Anfängerin Julia-Niharika Sen für das Zwölf-Personen-Dinner auf der Bühne des Retro-Charme-Theaters. Dort, wo man ansonsten sofort von abergläubischen Bühnenarbeitern zusammengepfiffen wird, sobald man im Rampenlicht isst. Ab 2000 Euro durfte nur noch in 200er-Schritten geboten werden, was niemanden bremste. Beim Dinner-Ersteigern sah es unter den Interessenten sehr nach Preisabsprachen aus. Doch kleinlich sein will hier niemand. Nach acht Auktionen ist das Parkett um 35.900 Euro ärmer und die Stimmung ist bestens deswegen. Bereichert.

Mengenrabatt für Firmen- oder Familientische im Großen Festsaal wird nicht gewährt. Warum auch? Es ist davon auszugehen, dass Modeschmuck Mangelware ist im Raum. Hier spricht man höchstens sehr kurz über Geld, wenn man sich davon im Beisein alter Bekannter für gute Zwecke trennen soll, von denen Engelschall reichlich im Angebot hat. Ansonsten hat man es, und das in den meisten Fällen wohl schon länger. „Wir geben immer mehr“, lautete beim Stehempfang die Von-Mahl-zu-Mahl-Bilanz von Claus-G. Budelmann, einem der vielen langjährigen Vielgeber auf der Gästeliste. „Man wird älter und gibt gerner“, was grammatikalisch zwar nicht ganz korrekt ist, aber deswegen umso liebenswürdiger auf dieser wohlfeilen, staatstragenden Bühne.

„Kunst und Kultur sind so etwas wie der Sauerstoff in dieser Stadt“, sagt Engelschall in ihrer Dankesrede. Dass für viele in der Kultur die Luft chronisch dünn ist, ist weit weg in diesem Moment. Dafür gibt es von Stiftungs-Ehemaligen Anekdoten aus der Frühzeit: Kulturlotterie-Lose verkaufen auf der Trabrennbahn oder beim Zahnarztball. Die schönste Geschichte, nur inoffiziell erfahren: Karin von Welck, damals Kultursenatorin, die bei einer anderen Benefizveranstaltung von jetzt auf gleich eine Begrüßungsrede zu lernen versuchte. Sie tat das angeblich in einer Besenkammer des Astraturms, weil Bürgermeister Ole von Beust im Dienstwagen blieb, um telefonisch irgendwelche HSH-Nordbank-Krisenherde zu bekämpfen, während bei der Feier alle vergeblich auf ihn warteten.

Stiftermahl im Rathaus. Die Premiere dieser feudalen Subventionssammlung zur Horizonterweiterung des hiesigen Kulturpublikums fand im Juni 1993 statt, noch ganz bescheiden, mit 30 Personen im Senatsgästehaus und brachte 55.000 Mark. Das letzte zwischen 120.000 und 140.000 Euro. Mittlerweile wurde das „Fundraising Dinner“ zum „Stiftermahl“ promoviert, umgezogen wurde auch, in das Prachtzentrum des Rathauses, das als Renommier-Kulisse fürs Spendensammeln buchstäblich unbezahlbar ist. Also: Führungskräfte, die iPhone-Erinnerungsfotos schießen, als wären sie noch 16 und zum ersten Mal mit der Klasse in Paris. Und die Servicekräfte haben am Ende auf Taschenkontrolle verzichtet. Kulturförderung ist Ehrensache.