„Das hiesige Frauenzimmer ist schön und artig“

Eine Wiederentdeckung: Johann Kaspar Riesbeck schrieb seine „Briefe eines reisenden Franzosen“ im 18. Jahrhundert auch aus Hamburg, das er auf den zweiten Blick schätzte

Hamburg. Der Blick zurück ist der Blick darauf, woher wir kommen – weshalb historische Vergewisserungen nie aus der Mode sind. Johann Kaspar Riesbecks „Briefe eines reisenden Franzosen“ ist, von heute aus gesehen, so eine Vergewisserung: ein Reisebericht aus dem 18. Jahrhundert, in dem die deutschen Lande besucht werden. Nicht von einem Franzosen wohlgemerkt, der uns Heutigen ein authentisches Bild von der Zeit kurz vor der Französischen Revolution vermittelt, sondern von einem Deutschen, der in der Schweiz lebte.

Riesbeck, 1754 in Hessen als Sohn eines Schnupftuchfabrikanten geboren, gab sich nur als angeblicher Übersetzer des anonymen Berichts aus, der nach 1783 zum europäischen Bestseller wurde. Ein Trick, der Riesbecks Standpunkt deutlich machte: Er kam als Auslandsdeutscher, der fern der Heimat einen anderen Blick auf diese erlangte – auch eine Art Selbstvergewisserung.

Und der „Franzose“ erlaubte sich auf seinem Trip durch die deutschen Provinzen die glasklare Ansprache, das offene Wort über Land und Leute. Beispiel gefällig? „Der erste Anblick des Innern der Reichs- und Hansestadt Hamburg ist sehr ekelhaft und abschreckend“, schreibt Riesbeck in seinem 56. Brief, und das ist an Deutlichkeit nicht zu überbieten. Zum Zeitpunkt seiner Hamburg-Visite ist Riesbeck schon durch den Südwesten (Stuttgart, Speyer, Karlsruhe, Ulm), durch Passau, Wien, Prag, Dresden, Leipzig, Potsdam, Berlin und Mecklenburg gereist. Da wird man ungnädig. Dabei musste dem weltgewandten Mann die Hansestadt doch gefallen, immerhin traf er hier nicht auf den Residenzpomp und die Fürstenherrlichkeit, die er anderswo oft spöttisch bestaunte. Er stieß auch nicht auf die Allmacht des Klerus, die er an anderer Stelle schilderte.

Seine Reportage ist lebendig, genau, Betrachtung und Sittenbild zugleich – journalistisch geschrieben, also unbedingt auf die Aufmerksamkeit des Lesers aus und auch heute noch mit Gewinn zu studieren. Weshalb die üppige Neu-Ausgabe mit vielen Abbildungen in der „Anderen Bibliothek“ unbedingt zu loben ist. Der Reisebericht Riesbecks ist ein Porträt des früheren Deutschland, und Hamburger Lokalpatrioten finden ein wunderbares Zeugnis über vergangene Zustände, in denen sich die Gegenwart bisweilen spiegeln mag.

Jeder Satz Riesbecks ist eine Behauptung, die man mit Interesse liest; und mit jedem weiteren übrigens verbessert sich die Meinung des Besuchers über das Objekt seiner Betrachtung. Die Äußerlichkeiten („Die meisten Straßen sind eng, dumpfigt und schwarz, und das gemeine Volk, welches sie durchwühlt, ist grob, wild und im Ganzen auch nicht sehr reinlich“) werden genau referiert, aber der erste Eindruck zählt halt doch nicht immer so viel. Schon bald hat es Riesbeck mit den Kaufleuten zu tun, und das rückt dann doch manches gerade. Riesbeck lobt die sinnlichen Vergnügungen der Hamburger und meint natürlich Essen und Trinken, die ihn endlich wieder an süddeutsche Qualitätsstandards erinnern: „Die Hamburger sind die ersten Protestanten, die ich sah, welche im Essen und Trinken gut deutschkatholisch geblieben sind. Ihre Tafeln übertreffen noch jene der Wiener, Grazer, Prager und Münchner, und vielleicht wird nirgends in der Welt so viel auf den sinnlichen Geschmack raffiniert, als hier.“

Man würde nun am liebsten jede Beobachtung des Gastes zitieren, denn sie zusammen ergeben eine mal überraschende, mal amüsante Zeichnung der Altvorderen. Die Spotlights beleuchten das Wesentliche: den Reichtum („Eine gewöhnliche Gesellschaft von Leuten zu Stand ist selten glänzender, als die hiesigen Parteien in den Sommerhäusern sind“) und die Menschen („Das hiesige Frauenzimmer ist schön, artig, und freier im Umgang, als es in protestantischen Städten gemeiniglich zu sein pflegt“); durchaus schmeichelhaft.

Es wird die für Norddeutschland untypische Lebhaftigkeit gelobt. Auch damals schon folgte die Annäherung an Fremdes also über das Stereotyp, in seinem Vorwissen wird der Fremde bestätigt: Hamburg, „die blühendste Handelsstadt in Deutschland“, sei kaufmännisch so rege wie London und Amsterdam. Was er vorher nicht kannte, lernt er jetzt kennen, die Dörfer an der Elbe („Das meiste trägt aber das Gewässer zu ihrer Schönheit bei“), die Beziehung zu Altona, das der dänische König „aus Eifersucht auf Hamburg auf alle Art blühend zu machen sucht“. Riesbeck lobt die wirtschaftsfreundliche Atmosphäre der Stadt, in der Bankrottiers schnell wieder auf die Beine finden: „Die unbeschreibliche Leichtigkeit, das Geld umzusetzen, macht die Leute hier zu kühn“. Interessant! Hanseaten scheinen also nicht immer hanseatisch drauf gewesen zu sein.

Mit seinen Betrachtungen über die politische Ordnung der Stadt, die er als „vortrefflich“ zwischen Aristokratie und Demokratie verortet, und den Protestantismus, bei dem zu großer Eifer zum Beispiel gegen Papst und Katholiken nach Möglichkeit unterdrückt wird, schließt Riesbeck sein Hamburg-Porträt fürs Erste ab, um sich den Dänen zuzuwenden. Wie im Falle Hamburgs tobt da erst mal der Furor: „Sie sind das finsterste, schwerfälligste und trägste Volk, das ich noch gesehen.“

Johann Kaspar Riesbeck: „Briefe eines reisenden Franzosen“. Hg. v. Heiner Boencke und Hans Sarkowicz. Die Andere Bibliothek. 681 S., 79 €