TV-Dokumentation

Missbrauch an Kindern: Warum tut mir ein Priester das an?

In „Mea Maxima Culpa – Stille im Hause des Herrn“, das am heutigen Dienstag auf Arte gezeigt wird, geht es um den Umgang mit pädophilen Geistlichen und die Unterdrückung ihrer Verbrechen.

Hamburg Die Programmplaner bei Arte zeigen einen eigentümlichen Sinn für Timing. Während im Vatikan der Streit um den umstrittenen Limburger Bischof Tebartz-van Elst auf eine Entscheidung zusteuert, zeigt der Sender einen Dokumentarfilm, der sich mit einem anderen Skandal in der katholischen Kirche beschäftigt. In „Mea Maxima Culpa – Stille im Hause des Herrn“ geht es um den Umgang mit pädophilen Geistlichen und die Unterdrückung ihrer Verbrechen.

Pater Lawrence Murphy war Leiter einer Schule für Gehörlose in Milwaukee in den USA. Er unterrichtete dort von den frühen 50er-Jahren bis 1974. Er war ein guter Redner und Spendensammler, offenbar auch ein charismatischer Typ. Einer seiner Schüler vergleicht ihn in dem Film mit dem Rattenfänger von Hameln und erinnert sich: „Er war für mich mein zweiter Vater.“

Das Vertrauen, das er bei seinen Schülern gewinnen konnte, auch weil er selbst die Gebärdensprache so gut beherrschte, missbrauchte er aber systematisch. Immer wieder hat er sich an den Jungen vergangen und stürzte sie damit in seelische und körperliche Qualen. Einer der Jungen erzählt, wie es ihm nach den Besuchen bei Murphy erging: Er musste die Hosen herunterlassen, zitterte, schwitzte, ihm wurde übel und er fragte sich: „Warum tut mir ein Priester das an? Warum sieht Jesus einfach zu?“ Eine Frage, auf die viele Kinder keine Antwort bekamen.

Im Gegenteil. Nonnen verschlossen vor den Untaten Murphys die Augen. Der verging sich an den Jungen nachts im Schlafsaal. Er nahm sie mit auf Reisen. Sein jeweiliger Favorit musste in seinem Bett schlafen. Der Dokumentarfilm lässt Opfer zu Wort kommen. Man merkt vielen von ihnen noch heute an, wie sie die Erlebnisse bedrückt haben müssen. Zumal man oft sie, die Opfer, mit Schuldgefühlen belegte. Und wenn sie sich dann doch zum Beispiel an ihre Eltern wandten, reagierten vielen von denen bestenfalls ungläubig oder wiesen ihre Kinder mit den Worten zurück: „So etwas darf man über Priester nicht sagen.“

Einige der Opfer Murphys raffen sich später trotzdem auf, bekommen auch ein Gespräch mit dem Erzbischof. Gespannt warten sie ab, aber nichts passiert. Er sprach mit Murphy, der natürlich alles abstritt. Er redete nicht mit den Opfern, denn die Schüler, kann man in einem Protokoll lesen, „sind ja ohnehin taub“.

Besonders perfide: Murphy wählte sich oft Jungen aus, deren Eltern die Gebärdensprache ihrer Kinder nicht gut verstanden. Einige Opfer gingen zur Polizei. Die sprach zwar mit Murphy, der alles abstritt, nicht aber mit den Opfern. Erst sie als Flugblätter verteilten, die wie Fahndungsplakate aussahen, kam Bewegung in die Sache. Schließlich musste der Priester die Schule „aus gesundheitlichen Gründen“ verlassen.

Regisseur Alex Gibney zeigt in seinem Film, dass mehrere Institutionen und Personen die Vorwürfe systematisch unter den Teppich gekehrt haben. Ein Geistlicher sagt: „Das System der katholischen Kirche, vor der ich großen Respekt und der ich viele Jahre meines Lebens geweiht habe, selektiert, unterstützt, schützt, verteidigt und produziert sexuelle Straftäter.“ Ein Schuldbewusstsein scheint Murphy nicht gekannt zu haben, im Gegenteil. „Der Glaube an seine eigene Tugendhaftigkeit kann eine Perversion in einen heiligen Akt verwandeln“, glaubt er. Vatikan-Korrespondent Marco Politi stellt im Film klar: „Ein Pädophiler ist kein Sünder, sondern ein Verbrecher.“

Dem Vatikan, so Gibney, sei bekannt, dass es ein Problem mit pädophilen Priestern gebe. Immer wieder schütze er aber die Täter in den eigenen Reihen, belohne sie zum Teil sogar noch. Die Versuche, sich des Problems anzunehmen, wirken manchmal kurios. So gibt es den Vorschlag, die pädophilen Priester auf einer Insel zu „verwahren“. Man kauft auch tatsächlich ein kleines Eiland bei Grenada, lässt den Plan dann aber fallen.

Der Leiter der vatikanischen Kongregation für Glaubenslehre hatte angeordnet, dass alle besonderen Fälle von Missbrauch über seinen Schreibtisch gehen. Es war Kardinal Ratzinger, der spätere Papst Benedikt XVI. Die Ermittlungen dort verliefen schleppend. Priester Murphy wurde nicht entlassen, sondern nur versetzt. Auch an seiner neuen Schule kam es bald wieder zu Übergriffen. Er starb, ohne je bestraft worden zu sein.

„Mea Maxima Culpa – Stille im Haus des Herrn“ wurde mit einem Emmy für außerordentliche Verdienste im Dokumentarfilm ausgezeichnet. Regisseur Gibney kümmert sich bevorzugt um neuralgische Themen. Er hat vor fünf Jahren für „Taxi zur Hölle“ über einen afghanischen Taxifahrer, der von US-Truppen zu Tode gefoltert wurde, den Oscar für den besten Dokumentarfilm gewonnen. Seine aktuellen Filme beschäftigen sich mit WikiLeaks-Sprecher Julian Assange und der Lebenslüge von Radrennfahrer Lance Armstrong.

„Maxima Mea Culpa – Stille im Hause des Herrn“ Di 22.10, 20.15 Uhr, Arte