Deutscher Lokaljournalistenpreis

Große Ehre für das Hamburger Abendblatt

Für ihr crossmediales Straßenprojekt wurde die Redaktion des Hamburger Abendblatts in Eisenach mit dem Hauptpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung ausgezeichnet.

Krönung auf der Wartburg: Das Hamburger Abendblatt und die Thüringer Allgemeine wurden hier – wo Martin Luther schrieb und Wagner zum Tannhäuser inspiriert wurde – am Montag als beste Lokalzeitungen Deutschlands ausgezeichnet. Die beiden Zeitungen teilen sich den ersten Platz beim Deutschen Lokaljournalistenpreis, den die Konrad-Adenauer-Stiftung seit 1980 vergibt. 711 Einsendungen musste die Jury unter der Leitung des Historikers Dieter Golombek sichten. So viele, wie nie zuvor.

Auf die Frage, ob es einen Trend im aktuellen Lokaljournalismus gibt, sagte der Jury-Vorsitzende: „Die guten werden immer besser. Die weniger guten geraten immer mehr in die Gefahr, sich auf das Niveau von Anzeigenblättern hinzubewegen.“ Zudem beobachte er, dass die Wertschätzung von guten Lokaljournalisten in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen sei: „Heute schauen Verleger und Chefredakteure zu ihnen auf, weil die Qualität ihrer Arbeit über die Zukunft der Tageszeitung entscheidet.“

Das Hamburger Abendblatt erhält den Hauptpreis für sein crossmediales Straßenprojekt. Abendblatt-Reporter beschrieben, fotografierten und testeten nach zehn Kriterien alle 8100 Hamburger Straßen. Daraus entstand dann ein interaktiver Straßenatlas auf abendblatt.de, bei dem auch die Leserinnen und Leser ihre Straße bewerten können. Darüber hinaus wurden in der größten Serie in der Geschichte der Zeitung alle 104 Hamburger Stadtteile auf jeweils einer Seite vorgestellt. Die Abendblatt-Redakteure wurden zu Stadtteilpaten – die ganze Redaktion zur Lokalredaktion.

„Das ist die konsequente Hinwendung zur lokalen Perspektive, weil alle Ressorts mit auf die Straße gehen“, zitierte Golombek aus der Begründung der Jury. „Das Hamburger Abendblatt demonstriert modernen Lokaljournalismus in all seinen Facetten, mit frischer Präsentation, viel Leserbeteiligung, crossmedial und serviceorientiert.“ Deshalb sei die Jury nicht umhingekommen, der Zeitung zum zweiten Mal innerhalb von fünf Jahren den „Oscar des Lokaljournalismus“ zu verleihen – diese Ehre wurde in der Geschichte des Preises neben dem Abendblatt nur einer anderen Zeitung zuteil.

„Dankenswerterweise hat das Abendblatt zugunsten der Thüringer Allgemeinen darauf verzichtet, die Preisverleihung auszurichten“, sagte Walter Bajohr von der Konrad-Adenauer-Stiftung in seiner Begrüßungsrede. Dafür seien die Hamburger in diesem Jahr für den kulturellen Beitrag verantwortlich – und der hatte es in sich: Stefan Gwildis rockte den Festsaal der Wartburg wie wahrscheinlich wenig Musiker vor ihm, und dass bei einer Preisverleihung nahezu das gesamte Publikum singt, dürfte auch eher selten sein. „Ich glaube, nach Gwildis Auftritt ist die Zeit der Streichquartette beim Deutschen Lokaljournalistenpreis vorbei“, sagte Paul-Josef Raue, Chefredakteur der Thüringer Allgemeinen.

Diese hatte in einer 60-seitigen Serie gemeinsam mit Wissenschaftlern, Politikern, Wirtschaftsexperten und den eigenen Lesern die Geschichte der Treuhand und die Privatisierung der Staatsbetriebe in Thüringen aufgezeigt. Ein Thema, so Raue, an das die Redaktion zuerst nicht ran wollte: „Und das so sperrig und so ostdeutsch ist, dass wir uns gar nicht vorstellen konnten, dafür einen solchen Preis zu erhalten.“

Die Festrede hielt Professor Richard Schröder. Der katholische Theologe und Vorsitzende der letzten SPD-Fraktion der DDR sprach darüber, warum die Treuhand nicht schuld am Niedergang der DDR-Wirtschaft sei. Dass dies ein Vortrag wird, der nicht nur Gehirnzellen, sondern auch Lachmuskeln anregt, hätte sich wahrscheinlich vorher keiner träumen lassen. Schröder belegte, dass es mit der Planwirtschaft schon vorher nicht zum Besten bestellt war. Ein Beispiel: „Was passiert, wenn der Sozialismus in der Sahara eingeführt wird? Drei Jahre lang nichts – dann wird der Sand knapp.“

+++ Hier geht es zum Straßentest +++

Er wetterte humorvoll gegen die im Osten gepflegte Mär, die Kapitalisten im Westen hätten sich die Milliarden-Werte der Ostwirtschaft unter den Nagel gerissen. Der Wert an sich sei ein flüchtiges Ding, so Schröder: „Das habe ich hautnah an meinem Auto der Marke Wartburg zu spüren bekommen. Anfang 1989 hätte ich für ihn auf dem Schwarzmarkt noch die Hälfte des Neuwagenpreises bekommen. 1990 wollte ihn meine Tochter nicht einmal mehr geschenkt haben.“

Neben den Hauptpreisträgern wurden zehn weitere Lokalredaktionen für spannende Projekte ausgezeichnet.

Die Aachener Zeitung und die Aachener Nachrichten entwickelten ein Meinungsportal im Internet, bei dem die Leser nicht nur ihre Ansichten und Fragen loswerden können, sondern diesen auch nachgegangen wird.

Die Berliner Morgenpost stellte in einer Serie 15 zentrale Werte (von Respekt bis Leistung) an lokalen Beispielen vor.

Der Südkurier aus Konstanz präsentierte seinen Lesern in Serien und Büchern die „Geheimnisse der Heimat“.

Der Express aus Köln schilderte seine Erfahrungen mit zwei schwerst körperlich und geistig behinderten Praktikantinnen. Inklusion ganz nah.

Der Bonner General-Anzeiger deckte auf, dass eine seit 16 Jahren vermisste Frau von ihrem Ehemann ermordet wurde.

Die Stuttgarter Nachrichten erklären in ihrer Rubrik seit 2009 mithilfe der Leserinnen und Leser schwäbische Begriffe und stellen Rezepte der Region vor.

Der Waiblinger Zeitungsverlag blickte in einer 35-teiligen Serie in das Leben der muslimischen Gemeinden der Stadt.

Die Pforzheimer Zeitung beleuchtete in einer großen Serie die Probleme der Stadt mit dem extrem hohen Migrantenanteil in der Bevölkerung.

Die BZ aus Berlin präsentierte ihren Lesern drei Tage hintereinander ungewöhnliche Ausgaben: eine Zeitung im Berliner Dialekt, eine mit Comics statt Fotos und eine, die nach Wünschen eingeladener Leser gestaltet wurde.

Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider dankte der Jury nicht nur für den ersten Preis, sondern vor allem dafür, was sie in den vergangenen Jahren für den Lokaljournalismus in Deutschland getan hat: „Sie haben mit ihrem Preis mitgeholfen, den Lokaljournalismus auf ein neues Niveau zu heben. Regional- und Lokalzeitungen werden nicht nur immer wichtiger, sie werden auch immer besser – vielleicht waren sie noch nie so gut wie heute.“

Die Thüringer Kollegen, die die Delegation des Hamburger Abendblatts mit einer ganzen Seite in ihrer Zeitung willkommen hießen, lud Haider zu einem Gegenbesuch ein: „Was halten sie davon, wenn Sie im nächsten Jahr zum Tag der Deutschen Einheit nach Hamburg kommen und das Abendblatt machen, und wir die Thüringer Allgemeine?“ Paul-Josef Raue nahm das Angebot an. Im Jahr des 25. Jubiläums des Mauerfalls wird es also zwei besondere Zeitungen zum Tag der Deutschen Einheit geben. Und vielleicht einen weiteren gemeinsamen Preis ...