Generationen-Mix und musikalische Vielfalt

Das Reeperbahn Festival überzeugt mit Entdeckungen und Lokalmatadoren

Hamburg. Der Mann auf der Empore reißt die Arme hoch, als habe der FC St. Pauli gerade ein Tor geschossen. Doch er jubelt nicht über die Fußballmannschaft, sondern über die Indie-Rock-Band Built To Spill. Jahrelang ist sie nicht in Hamburg gewesen, weil Gitarrist und Bandleader Doug Martsch Flugangst hat. An diesem Wochenende spielt das US-Quintett in der Großen Freiheit 36 beim Reeperbahn Festival und wird vor allem von älteren Fans der Generation Ü40 gefeiert. Built To Spill existiert bereits seit 20 Jahren, entsprechend alt ist das Publikum im Saal. Die Band profitiert von der Attraktivität des Hamburger Festivals, mehr als 1000 Zuschauer sind am frühen Sonnabendabend gekommen – eine Zahl, die Built To Spill bei einem Einzelkonzert bei Weitem nicht erreicht hätte.

Die Indie-Rocker sind ein positives Beispiel für den Spagat, den das Festival musikalisch hinbekommt. Auf der einen Seite stehen die Aberdutzenden von jungen Künstlern, die entdeckt werden wollen, auf der anderen arrivierte Bands, die über das gewisse Etwas verfügen und deshalb im wohlüberlegten Musikprogramm auftauchen.

Im Uebel & Gefährlich dominieren Baseballkappenträger im Twen-Alter. Sie sind in den Bunkerclub gekommen, um Käptn Peng & Die Tentakel von Delphi zu erleben, eine Combo aus Berlin. Die Arme werden auch hier hochgerissen, aber nicht, weil die Fans einen Lieblingssong wiedererkennen. Zu den Hip-Hop-Beats wird ausgelassen getanzt und gefeiert. Am Ende des Auftritts verlassen die meisten Zuhörer den Bunker und strömen in einen der 30 anderen Clubs, die an diesem Abend Livemusik aus unterschiedlichen Genres bieten. Ins Docks zum Beispiel, in dem die britische Soulsängerin Josephine, die Hamburger Singer-Songwriterin Alin Coen mit ihrer Band und zum Abschluss des Abends die Lokalmatadore von Kettcar auf der Bühne stehen. Hier mischen sich die Generationen, hier steht der Student neben seinem Dozenten.

Obwohl das Reeperbahn Festival sich als Spielwiese für Entdecker versteht und im Branchenjargon den „heißen Scheiß von morgen“ zeigen will, ist es für Musikfans fast jeden Alters attraktiv. Die stilistische Vielfalt macht aus dem Konzertmarathon ein Gemeinschaftserlebnis über die Generationen hinweg. Die Idee der ständigen Bewegung von Club zu Club führt dazu, dass man durch Zufall Musik hört, die man vielleicht nicht auf dem Programmzettel für den Abend hatte.

Auch bei den französischen Bands mischen sich Alt und Jung aufs Eleganteste. Mathieu Chedid, besser bekannt unter seinem Künstlernamen -M-, spielt in seiner französischen Heimat vor Zehntausenden und blickt auf eine 15 Jahre währende Karriere. Schon am frühen Abend kocht er im rappelvollen Zelt der Fliegenden Bauten eine mitreißende Klangsuppe aus Glam, Funkgitarren und großen Emotionen. Hübsch aufgemacht mit Trashfrisur, M-Brille und Glitzerjacke. Mit nur zwei Mitstreitern entfacht er das volle Brett. Nach zehn Minuten steht der Saal. Lautstark grölt die Menge die Texte in akzentfreiem Französisch mit.

Für alle Generationen ist auch das, was Lescop später im Grünen Jäger vorführt. Kühle elektronische Eleganz mit ein paar satten Dark-Wave-Spuren der 1980er. Sänger Mathieu Lescop kann so dramatisch posieren, wie Jim Morrison und Ian Curtis zusammen.

Apropos Drama. Am übervollen Sonnabend hatten viele Besucher des Konzertes von Popsängerin Anna Calvi in den Fliegenden Bauten das Nachsehen. Der Andrang war so groß, dass viele Zuschauer nicht in den Saal kamen und draußen warten mussten. Drinnen spielt Calvi ihren Dunkel-Blues mit vibrierender Stimme schön dreckig wie eh und je.

Eine lange Menschenschlange windet sich auch vor dem Mojo Club. Doch sie findet Platz in dem unterirdischen Club und kann dort Y’akoto bewundern. Die Hamburger Soulsängerin mit den afrikanischen Wurzeln entführt ihr Publikum mit ihren Songs auf den schwarzen Kontinent mit seinen Problemen. In ihren Liedern findet sich eine tiefe Melancholie wieder, doch das Publikum hört ihrer warmen samtenen Stimme aufmerksam zu. Erst am Ende des Auftritts zieht sie das Tempo an, und es wird vor der Bühne getanzt. Verabschiedet wird Y’akoto mit euphorischem Beifall. Auch die 25-Jährige klammert mit ihrer Musik die Generationen – ein weiteres Beispiel für die Offenheit und die verbindende Kraft beim diesjährigen Reeperbahn Festival.