Projekt aus Venezuela

El Sistema: Wie man mit Musik die Welt rettet

In Salzburg probt Gustavo Dudamel mit zahlreichen Musikern und massenhaft Chören Mahlers Achte Sinfonie. Eine Reportage über das bemerkenswerte Projekt El Sistema aus Venezuela.

Salzburg. Keine Ahnung, wie er das schafft. Wie Gustavo Dudamel mit 24 Stunden pro Tag auskommt, ist ein Rätsel, für das wohl nur Valery Gergiev, der andere berüchtigte Klassik-Workaholic, eine Auflösung liefern könnte. Dudamels erste Arbeitstage im heißen Salzburg begannen mit Proben um 10 Uhr morgens; Feierabend, ohne größere Pausen, war irgendwann in der Nacht. Kein europäisches Orchester, das seine Tarifverträge bis zur kleinsten Zulagenquote auswendig aufsagen kann, würde solche Strapazen ohne Sammelklagen mitmachen. Die vielen, sehr vielen Venezolaner vor Dudamels Chefpult aber kennen es von klein auf nicht anders, und überhaupt sind bei ihnen Terminpläne vor allem dazu da, um spontan und mit schicksalsergebenem Schulterzucken über den Haufen geworfen zu werden. Dudamel vergöttern sie, fast so sehr wie den Sistema-Gründer José Antonio Abreu, den Großvater der Nation. Gustavo ist einer von ihnen, er hat es geschafft. Respekt, Erfolg, Hingabe, diese Mischung ist ihr Treibstoff.

Großfamilie ist also ein noch zu kleiner Begriff für das mächtige Gemeinschaftsgefühl, das in der Salzburger Sistema-Außenstelle bei den Festspielen zu erleben ist. Semesterferien sind in der Fachhochschule in Puch, einige Kilometer vor dem Mozart-Metropölchen gelegen. Der Zweckbau brummt trotz der Sommerpause. Im Audimax probt Dudamel mit den Chormassen für die Aufführung von Mahlers monumentaler Achter Sinfonie im Großen Festspielhaus. Einen Tag vor dem Konzert feilt er an dynamischen Details, Konsonanten, Akzenten. Kameras aus der Heimat umschwirren ihn dabei wie Motten das Licht. Vor der Tür warten Sistema-Mitarbeiterinnen mit Engelsgeduld, riesigen Tagesablaufplänen und mindestens einem Smartphone im Anschlag darauf, die nächste überraschende Terminvariation zu bewältigen. Das gesamte Tour-Handbuch hat stattliche Paperback-Ausmaße. In der Mensa schaufeln die Fachkräfte Essen für Hunderte Hungrige in die Auslagen. Schnitzel-Stapel sind natürlich auch dabei. Willkommen in Österreich.

Das gesamte El Sistema-Sortiment hat Dudamel nach einem Jahr Vorbereitungszeit im Reisegepäck, erstmals mit allem Drum und Dran zu Gast in Salzburg. Auf dem Präsentierteller, neben den gängigen Höchstpreis-Leckereien der Branche, ist das eine faszinierende Abwechslung. 14 Konzerte, fast Schlag auf Schlag. Ein Streichquartett, das hochprofesssionelle Simón Bolívar Orchestra, als Auswärts-Premiere der „White Hands Choir“, in dem behinderte Kinder und Jugendliche mit weißen Handschuhen Klang stumm begreifbar machen und unter anderem auch das Nationale Kinderorchester – Elf- bis Vierzehnjährige, die im Laufe der zweieinhalbwöchigen Residenz unter der Leitung von Dudamels Mentor Simon Rattle mit Mahlers Erster Sinfonie auftrumpfen sollen, als wäre dieses Stück bloß ein harmloses Kinderspiel.

In sechs Flugzeugen sind sie in München angekommen, rund 1400 junge Venezolanerinnen und Venezolaner, darunter auch sechs Dirigenten und 40 Menschen für die Logistik dieser Klassik-Völkerwanderung. Und 42 für die Security. Nein, noch ist niemand verloren gegangen. Auf dem Flug habe Dudamel nicht etwa geruht, nein, seine Partituren studiert habe er, pausenlos, berichtet eine Sistema-Dame geradezu ehrfürchtig, während eine ihrer Kolleginnen, fürs Twittern eingeteilt, unablässig das Internet mit Sistema-Nachrichtenhappen betankt. Vielleicht hat Dudamel während seiner Noten-Lektüre in Gedanken auch noch an seinem Soundtrack für das Biopic „Libertador“ gefeilt, einer opulenten Verfilmung von Leben und Lebenswerk des Revolutionärs Simón Bolívar. So ein Nationalheld, nur unbewaffnet, ist auch er, ihr Gustavo. Kleiner hat er es nicht. Einer für alle, weil alle in seiner Gegenwart für das Eine brennen.

Nicht einen Euro habe er für dieses so beispielhafte Riesen-Projekt vom Staat bekommen, beklagt Noch-Intendant Alexander Pereira einen Tag später, bevor er die Geldgeber-Freunde aus der Wirtschaft lobt und nennt und zur Sicherheit gleich noch mal lobt. Während dieser Pressekonferenz mit dem ebenso greisen wie verehrungswürdigen Abreu in der Fördererlounge des Festspielhauses meldet sich leise ein ketzerischer Gedanke im Hinterkopf: Hätte Töpfern in großen Gruppen die gleichen gesellschafts- und charakterverändernden Auswirkungen, wäre ganz Venezuela dann ein Paradies für leidenschaftliche Kunsthandwerker? 400.000 töpfernde junge Venezolaner, in jeder Provinz, dazu zwei Millionen ehemalige Töpfernde in dem 30-Millionen-Land. Würde der Rest der Welt staunend verehren, was dort mit Menschen und Lehm passiert? Bejubeln, dass Vasen in den bunten Nationalfarben Venezuelas zum globalen Exportschlager werden? Bewundern, wie eine Nation mit sehr problematischem Renommee – totalitäre Regierung mit Demokratie-Defiziten, enorme Kriminalitätsrate, diplomatischer Dauerstress mit den USA, zuletzt wegen Edward Snowden – sich über mit Hingabe gestaltete Keramik-Massen neu zu definieren versucht? Würden sie das Dilemma der Realpolitik vergessen und an nichts außer das Gute im Menschen an sich und erst recht im Venezolaner glauben? Wäre es so einfach?

Gemeine, schwierigen Fragen.

Nachdem Abreu in epischer Länge erklärte, dass El Sistema vor allem auch ein soziales Projekt mit den Mitteln der Kunst ist, dass man demnächst ganz Südamerika und die Karibik mit Ablegern sistematisiert haben wird, in Angola ebenso eine Missionsstation errichten will wie in Sydney, wird er sehr einsilbig bei der Gretchenfrage: Wie hälts Du’s mit den jeweils Herrschenden? Machthaber kamen und gingen in den 38 Jahren seit dem ersten Treffen Abreus mit elf jungen Musikern in einem Parkhaus in Caracas. El Sistema hat dank Abreu seinen bewusst überpolitischen Drahtseilakt seit der Gründung 1975 geschickt perfektioniert und so die staatliche Finanzierung gesichert.

In Super-Gustavo, dem charismatischen Lockenkopf mit der Kondition des Duracell-Hasen, hat man ein Markenzeichen, ein Aushängeschild, einen Vorzeige-Maestro. Mit gerade mal 32 Chefdirigent auf einem Prestige-Posten in Los Angeles, Liebling nicht nur der Latinos von LA, mit dem Slogan „Grenzenlos“ wie die Wiedergeburt des jungen Bernstein beworben. Frank Gehry, der Designer der Walt Disney Concert Hall dort, baut „The Dude“ nun auch einen Konzertsaal in dessen Geburtsstadt Barquisimeto. 2016 soll er, nach zwei Jahren Bauzeit, bezugsfertig sein. Warum? „Weil er gefragt hat“, sagte der Star-Architekt dem „Economist“. Wir wollen doch nur spielen, lautet die wichtigste Botschaft von El Sistema an den Rest der Welt. „Wir haben Beziehungen mit dem Staat, nicht mit der Regierung“, sagt Abreu zur Politik-Frage nur, mit stoischem Gesichtsausdruck. Mehr sagt er nicht, doch das genügt ja auch.

In Caracas hatte Dudamel Mahlers „Sinfonie der Tausend“ im letzten Jahr tatsächlich mit rund 1400 Mitwirkenden aufgeführt, im Großen Festspielhaus sind es schätzungsweise 600. Doch auch hier, in einem Saal, dessen Akustik unter diesem Schalldruck nicht in die Knie geht, hält sich Dudamel an die Sistema-Devise „Viel hilft viel“. Die Chöre stapeln sich hoch und weit in die Tiefe des Raums, die Knaben sind am Bühnenrand untergebracht. Ein Cinemascope-Spektakel, wie Salzburgs Kundschaft es liebt. Dem Stück jedoch, das ohnehin gefürchtet unhandlich und langatmig ist, tut das nur stellenweise gut. Wo immer Dudamel Schauwerte liefern kann, nutzt er diese Chance und erweist sich mit großem Aplomb als konzentrierter Mengenbändiger, die Orchesterleistung ist bewundernswert. „Wir treiben hier durch die Gedanken eines Genies“, hatte Dudamel in einer Probenpause erzählt, „Mahler hatte Tausende von Ideen, und das fühlt man.“ Man hört es ebenfalls, aber nicht immer angemessen.

Unter den acht Solisten erweist sich der Wagner-Tenor Klaus Florian Vogt als überdurchschnittlich, der Bass von Kurt Rydl, Einspringer in letzter Minute für den erkrankten Robert Holl, ist altersmürbe. Doch das sind am umjubelte Ende nur noch Petitessen. Sistema, Dudamel, Mahler Acht, Salzburger Festspiele. Wenn schon, denn schon. Stehende Ovationen gibt es zu den Blumen, und im Gedächtnis bleibt auch diese Szene aus der Abend-Probe am Vortag, als Dudamel, verschwitzt und hochtourig, die Knaben des Chors mit breitem Entertainer-Grinsen fragt: „Are you müde?“