Jeder Song klingt anders, aber jeder klingt nach Silly

Hamburg. Klar, bei der einstigen DDR-Rockband Silly hätte bestimmt niemand die Absicht, eine Mauer zu errichten. Aber nach dem ersten großen Schlussapplaus ihres ausverkauften Konzerts in der Großen Freiheit 36 am vergangenen Sonnabend gab es einen irritierend mauerhaften Segregationsmoment, als nämlich die auf der Bühne zu siebt agierende Gruppe bei der rituellen kollektiven Schulterschlussumarmung unvermittelt zum Quartett schrumpfte. Da standen sie, die verdienten drei Kader der DDR-Rockgeschichte Uwe Hassbecker (Gitarren), Jäcki Reznicek (Bass) und Ritchie Barton (Piano), mit ihrer mittlerweile voll eingemeindeten Sängerin Anna Loos, derweil die drei anderen Kollegen etwas verlegen wie Mietknechte von der zweiten Reihe aus zusehen mussten, wie die glorreichen Vier den Rahm des Publikumsjubels allein abschöpften.

Dass Silly sich anderswo auf guten Stil versteht, bewies die kreative Kerntruppe in ihrer Kunst. Deutsche Rockmusik, der man anhört, dass an ihr schon gefeilt wurde, als die Musiker von Wir sind Helden, Silbermond und Co. noch in den Windeln lagen, muss man nicht mögen. Aber die Vielfalt an harmonischen Wendungen, an Arrangement-Ideen und überraschenden Melodieverläufen lässt keinen Silly-Song wie den anderen klingen und doch jeden unverwechselbar nach dieser Band. Das ist keine Kleinigkeit. Auch die Liebe zu Differenzierungen im Sound machte Freude. Hassbeckers Saiteninstrumente – gefühlt mindestens zehn edle E-Gitarren, sogar an der guten, alten, schweren Mahavishnu-Doppelhals-Gitarre war er zu bewundern, auch an Balalaika und Violine – dürften im Bandtruck deutlich mehr Platz beanspruchen als das Schlagzeug.

Und Anna Loos gelingt das Kunststück, trotz live unzuverlässiger Intonation nach der unvergessenen, unvergleichlichen Tamara Danz die wohl ideale Silly-Sängerin zu sein. Ihre Ausstrahlung, das Jubelnd-Kaputte im Timbre ihrer Stimme, selbst der latent berlinernde Sound in den Ansagen und Songzeilen: Es passt einfach.