Kinostart 2. Mai

„Saiten des Lebens“: Die zweite Geige will erste werden

Das wohltemperierte Musikerdrama „Saiten des Lebens“ ist wie eine Seifenoper für Schöngeister. Der Konflikt zwischen individueller Selbstverwirklichung und Gruppenzugehörigkeit ist das zentrale Thema des Films.

Klassische Musik ist eher selten Thema von Spielfilmen. Noch immer scheint man Berührungsängste zu haben mit dieser Bastion der reinen Hochkultur. Eine unbegründete Angst, wie in „Saiten des Lebens“ zu sehen ist. Die Musiker des fiktiven, weltberühmten New Yorker Streichquartetts haben mit denselben profanen Gefühlen zu kämpfen wie wir alle: Liebe, Eifersucht, dem Wunsch nach Anerkennung. „Saiten des Lebens“ ist wie eine Seifenoper für Schöngeister, die Kultur und Leben geschickt miteinander verknüpft.

Das Konstrukt des Streichquartetts wird hier zum Sinnbild des menschlichen Seins. Ein Musiker-Ensemble ist ein feines Gefüge, das in der Summe größer ist als die einzelnen Teile. Die Mitglieder müssen einander vertrauen, an einem gemeinsamen Ziel arbeiten und dabei ihre Persönlichkeiten zurückstellen. Doch was, wenn einer aus seiner zugewiesenen Rolle ausbricht?

Die Konflikte im Quartett spiegeln sich im Privatleben der Figuren

Der Konflikt zwischen individueller Selbstverwirklichung und Gruppenzugehörigkeit ist das zentrale Thema des Films. Nach 25 Jahren gemeinsamen Spielens verkündet Peter (Christopher Walken), Cellist und Ältester der Gruppe, seinen Ausstieg. Er ist an Parkinson erkrankt und wird das schnelle Spieltempo nicht mehr lange halten können. Peter stellt seine eigenen Interessen ganz selbstverständlich hinter die des Quartetts, er hat bereits Ersatz für sich gefunden. Doch seine Ankündigung verstört die anderen Mitglieder nachhaltig, das Quartett droht auseinanderzubrechen und mit ihm die fein arrangierten Leben seiner Mitglieder.

Robert (Philip Seymour Hoffman) möchte in Zukunft nicht mehr nur zweite Geige spielen, sondern sich mit Daniel (Mark Ivanir) an der ersten Geige abwechseln und den Stil des Quartetts stärker mitbestimmen. Mit Robert und Daniel treffen zwei unterschiedliche Temperamente aufeinander. Robert steht für Risiko und Leidenschaft, schon lange möchte er ohne Noten spielen. Der perfektionistische Daniel hingegen verkörpert Kontrolle und Intellekt, er gibt seiner Geigenschülerin erst mal eine Schubert-Biografie zu lesen, bevor sie spielen darf.

Die Konflikte, die innerhalb des Quartetts ausgetragen werden, spiegeln sich im Privatleben der Figuren: Auch Roberts Ehe mit Juliette (Catherine Keener), der Bratschistin der Gruppe, droht zu scheitern, auch hier fühlt Robert sich, als würde er immer nur die zweite Geige spielen. Und die gemeinsame Tochter (Imogen Poots) wirft ihren Eltern vor, sie zugunsten des Quartetts zu vernachlässigen.

„Saiten des Lebens“ ist ein wohlkomponiertes Ensemble-Stück mit ruhigen Passagen und kurzen emotionalen Ausbrüchen. Die Idee vom Quartett lässt sich auf die Schauspieler übertragen, jeder großartig für sich und perfekt im Zusammenspiel. Catherine Keener und Philip Seymour Hoffman machen 20 Jahre Ehe durch wenige Gesten und Blicke glaubwürdig. Christopher Walken, der große Unberechenbare des Kinos, ist hier in einer ganz ruhigen Rolle zu sehen, als besonnener Peter, eine Integrationsfigur, immer bemüht, die Gruppe zusammenzuhalten.

Das musikalische Herzstück des Films bildet Beethovens Opus 131. Es wird attacca gespielt, in einem Durchlauf ohne Pause. Doch während der langen Spielzeit können sich die Instrumente verstimmen, die Harmonie wird gestört. „Was also tun? Sollen wir aufhören oder gemeinsam weiterspielen bis zum Ende?“, fragt Peter einmal.

Bewertung: empfehlenswert

„Saiten des Lebens“ USA 2012, 106 Min., ab 6 J., R: Yaron Zilberman, D: Philip Seymour Hoffman, Christopher Walken, Catherine Keener, täglich im Abaton, Holi, Zeise; www.saitendeslebens.senator.de