Die Schönheit der Natur

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Matthias Gretzschel

"Blatt für Blatt" heißt eine Ausstellung mit Werken dreier Künstler im Kunstraum Falkenstein

Kunstraum Falkenstein . Zeit seines Lebens hat der Philosoph und Zoologe Ernst Haeckel Pflanzen und Organismen gezeichnet. 1904 erschien ein Band mit 100 Bildtafeln seiner Skizzen und Aquarelle unter dem Titel "Kunstformen der Natur". Doch weit vor ihm haben Künstler die Schönheit und Ästhetik natürlicher Formen erkannt und gewürdigt, sie genau betrachtet und immer wieder zum Ausgangspunkt eigener Arbeiten gemacht.

Vor allem seit der Zeit der Aufklärung, als es in bürgerlichen Kreisen üblich wurde, zu botanisieren und Herbarien anzulegen, nahmen sich Künstler natürliche Formen zum Vorbild. Später bot der Blick auf die Natur sogar die Chance, sich von erstarrten Stilkonventionen zu lösen, wie man an den floralen Linien sehen kann, mit denen in der bildenden wie in der angewandten Kunst Ende des 19. Jahrhunderts der Historismus überwunden wurde.

In ihrem Kunstraum Falkenstein stellt die Galeristin Elke Dröscher jetzt drei zeitgenössische Künstler aus, die sich in sehr unterschiedlicher Weise von Blättern anregen lassen. Noch bis zum 11. Mai sind Arbeiten von Manfred Holtfrerich, Ingolf Timpner und Herman de Vries in einer Ausstellung mit dem Titel "Blatt für Blatt" zu sehen.

Im Lateinischen heißt Herba Kraut, ein Herbarium ist eine botanische Sammlung mit gepressten Pflanzen, die nach bestimmten Ordnungskriterien zusammengestellt werden. Darauf bezieht sich der Fotograf Ingolf Timpner, der an der Kunstakademie Düsseldorf Philosophie und Kunstgeschichte studiert hat. "Herbarium" heißt seine Werkgruppe, für deren Motive er eine analoge Mittelformatkamera und klassisches Barytpapier benutzte. Timpner inszeniert Pflanzen so, dass sie ornamental wirken und zugleich an Scherenschnitte erinnern. "Präzision und Genauigkeit seiner kontrastreichen Handabzüge transportiert er mittels einer auf Schwamm manuell aufgetragenen Entwicklerflüssigkeit und bewirkt aus den diffusen Randbereichen heraus einen 'entrückten Moment', sagt Elke Dröscher zu Timpners Arbeiten. Schon seit Jahrzehnten arbeitet der niederländische Künstler Herman de Vries mit der Natur. Dabei geht er systematisch vor, sammelt Blätter eines bestimmten Baumes oder einer Pflanze jeweils an bestimmten Orten, um sie dann doch nach einem dem Zufall unterworfenen Prinzip zu gestalten. Der Künstler sieht Pflanzen auch im Zusammenhang mit Mythologie und Heilkunde. "Natur ist sich selber genug und soll dem Menschen auch genug sein", sagt de Vries.

Der in Hamburg lebende Manfred Holtfrerich schafft Aquarelle, die der Natur besonders nahe kommen. Auf Kartons von jeweils 50 mal 42 Zentimeter stellt er Blätter in naturalistischer Manier in ihrer Originalgröße dar. In einem Gespräch sagte er zu seiner Arbeitsweise: "In den ersten ein, zwei Tagen geht es noch um das Nachzeichnen des Blattes, im Verlauf des Machens kippt die Darstellung irgendwann um, vom Zustand der Reproduktion hin zur Repräsentation. Durch die vielen Übermalungen verselbstständigt sich die Darstellung, wird Material."

So unterschiedlich die Positionen der drei Künstler sind, gemeinsam haben sie den genauen Blick auf die Natur. Es geht ihnen letztlich darum, den "Kunstformen der Natur", wie Heckel sie nannte, als Künstler Respekt zu zollen. Was dabei entsteht, ist Schönheit.

"Blatt für Blatt." H. de Vries, M. Holtfrerich und I. Timpner. Kunstraum Falkenstein (Bus 189), Grotiusweg 79, Di-Fr 11.00-17.00, Sa 11.00-14.00