Jonathan Nott begeistert mit Mahlers 9. Sinfonie

Hamburg. Wie hätte Gustav Mahler wohl geurteilt, wenn er das Elbphilharmonie-Konzert in der Laeiszhalle mit der Jungen Deutschen Philharmonie gehört hätte, die seine 9. Sinfonie unter der Leitung von Jonathan Nott gespielt hat? Er wäre sicher schwer beeindruckt gewesen und hätte kein so harsches Urteil gefällt wie 1909 über das New York Philharmonic Orchestra, das er nach einem Dirigat als "talentlos und phlegmatisch" bezeichnete. Diese fantastischen jungen Musiker, noch in der Ausbildung zum Orchestermusiker, hoch motiviert und hochbegabt, treffen sich in regelmäßigen Abständen, um mit renommierten Dirigenten ein Programm zu erarbeiten, mit dem sie dann auf Tournee gehen.

Mit Jonathan Nott, Chef der Bamberger Symphoniker, der auch "Mr. Mahler" genannt wird, hätten sie kaum einen Berufeneren finden können, der mit ihnen den selten gespielten, 1909 komponierten Mahlerbrocken erarbeitet und zu einem derart beeindruckenden Ergebnis gebracht hat. Wann haben wir in der Laeiszhalle schon einmal erlebt, dass die Zuhörer eine gefühlte Ewigkeit lang nach den pianissimo ausgehauchten Tönen des letzten Satzes den Atem anzuhalten schienen, um nach der tiefstmöglich empfundenen Berührung in einen Begeisterungstaumel zu fallen?

Allein um dieses letzten, sehr langsamen Adagio-Satzes willen, in dem Gustav Mahler die Bilanz seines Lebens zieht, das zwei Jahre später enden wird, hätten wir uns eine bis auf den letzten Platz gefüllte Laeiszhalle gewünscht.

Jonathan Nott, ein Dirigent, der Eleganz mit Effektivität der Bewegung paart, hat für seine Deutung aus Emotionalität und strenger, klar strukturierter Analyse in den Musikern der Jungen Deutschen Philharmonie ideale Partner gefunden. Denn die Musiker verlieren sich nicht in falscher Gefühligkeit und resignativem Entsagen, sondern entwickeln mit dem Recht der Jugend eine Kraft, die Trauer zulässt, ohne Larmoyanz, und die zupackende Derbheit, wie im Ländler, mit der schaurigen Beklemmung eines Totentanzes verbindet.