Berühmtes Festival

Festspielintendant Alexander Pereira sammelt für Salzburg

Pereira trifft in Hamburg Mäzene, glaubt an eine Musikmetropolen-Vision nur mit Elbphilharmonie. Einen Seitenhieb kann er sich aber nicht verkneifen.

Hamburg. Neulich habe er einen Text von Richard Strauss, einem der Gründerväter, über die Finanzprobleme der Salzburger Festspiele gelesen. Der hätte genau so auch von ihm sein können. Diesen Seitenhieb auf das aktuelle Hauen und Stechen vor den Kulissen des berühmtesten Festivals der Welt kann sich dessen Intendant Alexander Pereira im Foyer des Hamburger Hotels Atlantic nun doch nicht verkneifen. In den letzten Tagen hat es allerliebst gerappelt in Salzburg, das hat Tradition dort und ist auch in der Nebensaison Teil der Show: Der Bürgermeister war sauer, weil Pereira den Etatplan für 2014 sprengen will. Pereira ist sauer, weil unausgeglichene Tarifsteigerungen fürs Personal den Kunstbetrieb seit Jahren Millionen kosten und konterte, er werde wie 2012 die Lücken mit Kartenverkäufen und Sponsoren schon auffüllen. Dann dachte er laut darüber nach, 2015, ein Jahr vor Ende seines Vertrags, an die Mailänder Scala wechseln zu können und kassierte von der Salzburger Landeshauptfrau einen Rüffel wegen Moserns. Mit Rücktritt hatte Pereira übrigens bereits im letzten Sommer gedroht, bevor seine Arbeit begann, dieser Ausweg fällt also flach.

Reden wir lieber nicht weiter drüber, signalisiert Pereiras leicht gequältes Lächeln, der Scherbenhaufen soll bitte schön nicht noch größer werden. Er ist wegen anderer, erfreulicherer Dinge hier: Gut eine Stunde später wird er mit seinem Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, vielen noch aus dessen Hamburger Theaterzeit bekannt, im rappelvollen Übersee-Club vor distinguierten Hanseatinnen und Hanseaten das Programm für Sommer 2013 lobpreisen. Dort werden die beiden gekonnt tiefstapeln, mit Sätzen wie "Das Geld, das wir sammeln, wollen wir gelegentlich auch für Kunst ausgeben" (Pereira) oder "Wir machen Schillers ,Jungfrau von Orleans', weil ich sie nie verstanden habe" (Bechtolf).

Seit November schon tourt Pereira mit seiner One-Boss-Show für Sponsoren und Mäzene rund um den Globus, etwa zwei Dutzend Schaulauf-Termine verordnet er sich, immer lukrativ für die Sache. "Normalerweise komme ich von jeder dieser Reisen mit irgendetwas zwischen 50.000 und 100.000 Euro an Sponsorengeldern nach Hause." Pereira ist als virtuoser Überweisungsmagnet bekannt. Als langjähriger Chef der Züricher Oper soll er etwa eine Viertelmilliarde eigenhändig hereingeholt haben. Sein aktueller Zwischenstand ist beachtlich: Von den acht Millionen Gönner-Euro für Salzburg, die er versprochen habe, seien jetzt 7,6 zusammen. "Sponsoring ist ein Netzwerk, das man auswerfen muss. Im Prinzip denke ich mir aus, wovon ich träume, dann hänge ich mir einen Bauchladen um, aus dem sich jeder bedienen kann."

Mit über 90 Jahren Festspieltradition dort liegen etliche Welten zwischen der Mozart-Stadt Salzburg und der Brahms-Telemann-Mendelssohn-Mahler-Beatles-Reeperbahn-Stadt Hamburg, die so viel hat, aber dennoch nichts. Doch Pereiras Interesse an diesem Äpfel-Birnen-Vergleich und den Perspektiven ist schon deswegen vorhanden, weil Christoph Lieben-Seutter, seine langjährige rechte Hand am Wiener Konzerthaus und in Zürich, seit 2007 an der Elbe darauf wartet, dass der schmerzhafte Dauerzustand "Einige Jahre noch bis zur Elbphilharmonie-Eröffnung" sich bessert. "Ich bewundere dessen Geduld und Hingabe in so vielen schwierigen Jahren", kommentiert Pereira das Elend. "Natürlich beneide ich ihn jetzt nicht. Vielleicht muss man ihn ab 2017 beneiden." Die Frage, ob er lieber ab 2015 in der Scala arbeiten möchte oder 2017 in der Elbphilharmonie, beantwortet Pereira wortreich nicht. Wofür ist man Österreicher.

Doch zum chronischen Problem, dass die Hansestadt gern mehr Kultur- und insbesondere Musikmetropole sein möchte, als sie es ist, hat der Wiener eine eindeutige Meinung: "Das setzt einen Willen voraus, ein großes Rad zu drehen. Man muss jemanden haben, der in der Lage ist, ein großes Rad zu drehen. Und es braucht eine bestimmte Menge Geldes. Der kulturelle Aufstieg ist immer abhängig von der Qualität eines Aufführungsorts. Und der Push, den die Stadt braucht, wird erst passieren, wenn dieses Haus eröffnet. Wenn es ein Festival gibt, muss man dem Planer totale Freiheit lassen. Zwischen drei und vier Jahren Vorlauf im Konzertbereich braucht es dafür schon."

Während der Präsentation im Übersee-Club wird Pereira nicht damit konfrontiert, beim Kaffee im Atlantic kann er aber mit einer deutlichen Antwort dienen auf die Pfeffersack-Frage, warum es sich für eine große Stadt lohnen und tunlichst auch rechnen soll, ein großes Festival jenseits der Spielpläne zu haben. "Theaterdirektoren sind dazu erzogen, gut Geld auszugeben, aber nicht dazu, es auch hereinzuholen, als ein Mittler bei einer Solidarität zwischen Staat, Wirtschaft und Privatpersonen", findet er. "Mit der Bezahlung unserer Steuern erledigen wir nur jene Dinge, die uns nicht wichtig sind. Für alles, was uns wichtig ist, müssen wir extra Opfer bringen. Und wenn Sie als Wirtschaftsmensch erstklassige Mitarbeiter in Ihre Stadt holen wollen, müssen Sie eine erstklassige Infrastruktur bieten, die diese Stadt für Sie lebenswert macht. Dabei spielen Investitionen in Kunst und Kultur eine riesige Rolle."

Pereiras Salzburger Bauchladen ist prall gefüllt mit großen Ideen und Namen: eine schon jetzt dreifach überbuchte "Giovanna d'Arco" mit Anna Netrebko und Placido Domingo vor allem für die Herrschaften auf ganz teuren Plätzen; einen neuen Mozart/Da Ponte-Opernzyklus mit Christoph Eschenbach und in der Regie von Bechtolf, obwohl der letzte von Claus Guth nur einige Jahre alt ist; der ehemalige Hamburger Generalmusikdirektor Ingo Metzmacher dirigiert Birtwistles "Gawain"; aus Venezuela kommen 1200 Kinder und Jugendliche, um das "El Sistema"-Phänomen in epischer Breite vorzustellen. Und als Sahnehäubchen die Gewissheit, solche Produktionen stets zuerst in Salzburg zu sehen.

Dass manche Karten so teuer sind wie nirgends sonst, ficht Pereira nicht an, im Gegenteil: "Für mich ist das Problem der Kartenpreise nicht so sehr ein Verdienstproblem, sondern mehr ein Gerechtigkeitsproblem: Ich muss herausfinden, wie vielen Leuten ich möglichst viel Geld entlocken kann, damit ich denen, die sich die Karte nicht leisten können, den Platz möglichst günstig anbieten kann. Also nicht: Wie viel kostet die teuerste Karte, sondern: Wie viel kostet eine Karte im Schnitt?"

Am Morgen nach seinem Gastspiel an der Binnenalster hatte Pereira übrigens noch einen beruflichen Termin vor dem Heimflug. Die Wahrscheinlichkeit, dass dabei der Hamburger Kultur ein ordentlicher Betrag entgeht und sich in den Salzburger Festspiel-Etat verabschieden wird, ist wohl nicht ganz klein.