Kino

Der Filmstar im Herzen von Ottensen

Das Zeise-Kino feiert 20-jähriges Bestehen und trotzt der Krise in der Branche. Umgeben von Kneipen und Restaurants ist es das Kino geblieben, das vor allem Bewohner des Stadtteils nutzen.

Hamburg. "Paradies Liebe" verspricht ein grellbuntes Plakat über dem gläsernen Eingang zu den Zeisehallen. Zwei korpulente Frauen sitzen an einer Strandbar, ein schwarzer Kellner wienert die Theke, eine Palme und blaues Meer schaffen etwas exotisches Flair. Doch wie der Garten Eden sieht es dort nicht aus, die Bikinifrauen wirken wie grobe Karikaturen. Es ist nicht das offizielle Kinoplakat von Ulrich Seidls Sextourismusfilm, sondern ein Bild, das der in Berlin lebende Michael Werner gemalt hat. "Damit wollen wir auf etwas abseitigere Filme in unserem Programm aufmerksam machen. Für ,Django Unchained' müssen wir nicht werben, der läuft von allein", sagt Jan-Oliver Lange, im Zeise für Presse und Sonderveranstaltungen zuständig. In seinen Aufgabenbereich fällt auch die heutige Jubiläumsfeier zum 20-jährigen Bestehen des Zeise-Kinos.

Am 3. März 1993 eröffnete die damalige Kultursenatorin Christina Weiss die Zeisehallen sowie das Kino mit seinen drei Sälen und insgesamt 532 Plätzen. Wo früher riesige Schiffsschrauben montiert wurden, flimmerten nun sogenannte Arthouse-Filme über die Leinwände, künstlerisch anspruchsvolle Streifen, oft mit Preisen der internationalen Filmfestivals ausgezeichnet.

111 Jahre lang wurden an der Friedensallee von der Firma Theodor Zeise Schiffsschrauben hergestellt, 1979 ging der Betrieb pleite. Weil Hamburg sich ein neues Image als Medienstandort geben wollte, wurden die Fabrikgebäude zu einem Filmzentrum umgebaut, in dem sich Medienbetriebe ansiedelten, wo die Videobibliothek der Öffentlichen Bücherhallen und der von Hark Bohm gegründete Studiengang Film der Universität untergebracht waren. Herzstück des Komplexes, zu dem auch Restaurants und Läden sowie ein Kindergarten gehören, war jedoch von Beginn an das Zeise-Kino.

Die Filmstudenten werden inzwischen an der Hamburg Media School unterrichtet, die Videobibliothek ist in die Innenstadt an den Hühnerposen gezogen, nur das Zeise-Kino hält die Stellung mitten im flirrenden Ottensen.

Einen heftigen Sturm musste das Kino schon bald nach seiner Eröffnung abwettern, inzwischen läuft der Betrieb wieder in ruhigem Fahrwasser. Nachdem das Hamburger Filmbüro sich aufgelöst hatte, hatte das Kino plötzlich seinen Vermieter verloren und musste mit den Eigentümern des Gebäudes einen neuen Vertrag schließen. Die erhöhten den Mietpreis von 18 auf 40 Mark pro Quadratmeter und versuchten mit Schikanen Druck auszuüben.

Als zum Beispiel im Oktober 1997 die Premiere von Tom Tykwers Film "Winterschläfer" gefeiert wurde, ließ die Verwaltung um 19.30 Uhr das Licht im Foyer löschen, Fenster und Automatiktüren wurden geöffnet, die Heizung abgestellt. Eine Räumungsklage gegen das Kino wurde später vom zuständigen Gericht abgewiesen.

Während an vielen Orten in der Stadt Kinos schließen mussten wie das Savoy, das City, der Grindel-Palast und demnächst sogar das historisch bedeutende Streit's, behauptet sich das Zeise trotz eines umkämpften Marktes. Umgeben von Kneipen und Restaurants ist es im Herzen Ottensens das Kino um die Ecke geblieben, das vor allem Bewohner des Stadtteils nutzen. Allerdings hat sich auch programmatisch einiges gegenüber dem Beginn geändert. Das Abspielen von Filmen dreimal am Tag reicht heute nicht mehr aus. Mit besonderen Matineeveranstaltungen, mit Specials und Formaten abseits des Kinos soll vor allem jüngeres Publikum angelockt werden. Das Zeise ist da seit einigen Jahren sehr erfolgreich mit diversen Slam-Veranstaltungen. Im großen Saal treffen dann Wortakrobaten und Singer-Songwriter gegeneinander an. Die Spätvorstellung am Freitag ist dafür reserviert. Seit 2005 schon hat Jan-Oliver Lange diese "latenights" zusammen mit seinem Schulfreund Michel Abdollahi erfolgreich ins Programm integriert.

Lange und Abdollahi, von dem es heißt, sein Humor sei trockener als die persische Wüste, werden am heutigen Montag die Jubiläumsgala moderieren. Sehr unterhaltsam soll auf die Geschichte des Zeise-Kinos zurückgeblickt werden - mit Kurzfilmen, Livemusik und Poetry-Slam, einem Programm also etwas abseits vom klassischen Kinoprogramm. Aber diese kulturelle Vielfalt ist das Zeise-Publikum gewohnt. Zwei Jahrzehnte lang haben sich die Programmmacher das zu Herzen genommen, was sie bei der Eröffnung 1993 schon versprochen hatten. Damals lief zur Premiere Detlev Bucks Film mit dem quasi programmatischen Titel "Wir können auch anders".