Hamburger Pop-Puppenkiste

Das Quartett Tocotronic präsentierte sein neues Album "Wie wir leben wollen" bei den Lessingtagen im ausverkauften Thalia Theater

Hamburg. Zugegeben. Ein Rockkonzert ist keine Theaterinszenierung. Aber wenn eine Band wie Tocotronic im Rahmen der Lessingtage im Thalia auftritt, existieren weit mehr Gemeinsamkeiten als gedacht. Denn vor allem auf ihrem soeben erschienenen Album "Wie wir leben wollen" verhandelt das Quartett all jene grundsätzlichen Inhalte, die am Alstertor auch sonst für Aufruhr und Amüsement sorgen.

Bereits der Auftaktsong "Im Keller" zeigt dem Publikum mit der kindlichen Drastik eines lustigen Reims, wohin das ganze Mühen und Mäandern letztlich führt: "Hey / ich bin jetzt alt / Hey / bald bin ich kalt", singt Dirk von Lowtzow dunkel raunend. Da steht er nun, der arme Tor und führt im Laufe des Liedes hübsch ein paar Leitmotive der aktuellen, zehnten Tocotronic-Platte ein: Der Ich-Erzähler dieser gesungenen Protokolle verneint den Starruhm und probt lieber das lustvolle Spiel mit Rollen und Facetten. In dem Stück "Vulgäre Verse" reichen sich wenig später Marlene Dietrich und Marie Antoinette lyrisch die Hände und erinnern sich an Schein und Sein des Diven-Seins.

Film noir und Horrorgeschichten, Geschlechtertausch und Identitätsverlust, morbider Humor und softe Verweigerung versammeln sich im tocotronischen Themenpark. Und dass die Band mit ihrem alten Hit "Meine Freundin und ihr Freund" gegen Cineasten wettert, hält sie natürlich nicht davon ab, ihr Konzert filmisch zu inszenieren und vor Projektionen von Zeichnungen, Artwork sowie Schriftzügen zu spielen. Schattenrisse im Gegenlicht. Ein Figurentheater. Eine Hamburger Pop-Puppenkiste. Mit Protagonisten, die auch 20 Jahre gemeinsame Zeit als Band offensichtlich nicht in die Bräsigkeit geführt hat. Im Gegenteil.

Sehr schön gerät vor allem bei den neuen, poppigeren Arrangements der Einsatz der Orgel von Rick McPhail, der den Liedern eine geheimnisvolle Leichtigkeit verleiht. Etwa bei der Nummer "Auf dem Pfad der Dämmerung", in der von Lowtzow zudem mit seiner Stimme hübsche Halleffekte erzeugt. Diesen komplexeren Songs wiederum setzen die vier gewittrige Klassiker wie "This Boy Is Tocotronic" entgegen. Das tut der Dynamik gut. Denn so bierernsthaft ausgetüftelt ist die ganze Sache bei Tocotronic nun auch wieder nicht.

Immer wieder wird da zwischen von Lowtzow, McPhail, Bassist Jan Müller und Drummer Arne Zank geplaudert und gewitzelt. Lediglich ganz zu Beginn scheppert der Sound etwas unrund. Aber so haben die Fans im ausverkauften Haus wenigstens dieses Gefühl, das den Theatergänger oft erfasst. Diese Frage, ob die Schauspieler es diesmal packen, den Zuschauer zu packen? Doch die kleine Zitterpartie ist schnell vorüber. Und auch im Fortgang entwickelt sich zwischen Publikum und Band eine ganz eigene Dramaturgie.

Beide Seiten wärmen erst langsam auf im gut bürgerlichen Setting. Nach expliziter Aufforderung durch von Lowtzow stehen aber einige auf und singen vor allem ältere Songs wie "Aber hier leben, nein danke" beherzt mit. Wider die Konvention holen sich viele bald Bier und Wein, tanzen ein wenig oder sitzen auf dem Teppichboden. Und als die Band nach Eineinviertelstunde zur ersten Zugabe erneut auf die Bühne gejubelt wird, stehen alle im Saal. Zum Finale: "Freiburg" und "Kapitulation", Verbeugungen und Kusshände.