NDR: Ombudsmann soll Korruption verhindern

Sechs Unterschriften für einen Auftrag

Beim NDR versagte die Kontrolle: Das System Heinze zermürbte Schauspieler, Autoren und Regisseure.

Hamburg. Vergangenes Wochenende erhielt die Münchner Filmagentin Inga Pudenz eine SMS des Schauspielers Uwe Steimle. Er teilte ihr darin mit, dass er nicht länger von ihrer Agentur Scenario vertreten werden will. Die Kurznachricht war für Steimle der letzte Befreiungsschlag. Nun kann ihm das System der einstigen NDR-Fernsehspielchefin Doris Heinze nichts mehr anhaben.

"Ich fühlte mich wie ein gläserner Mensch", sagt der Schauspieler, der in "Polizeiruf 110" den Hauptkommissar Jens Hinrichs gab. "Die wussten alles über mich." "Die", das waren Heinze und ihre Komplizinnen Heike Richter-Karst und Inga Pudenz. Richter-Karst produzierte mit der Münchner AllMedia die Krimireihe. Steimle machte den Fehler, sich bei ihr über das Treatment für die "Polizeiruf"-Folge "Die armen Kinder von Schwerin" zu beschweren, das eine gewisse Marie Funder geschrieben hatte. Marie Funder war ein Pseudonym, unter dem Heinze selbst Drehbücher schrieb - und so das volle Honorar kassierte. Weil sie NDR-Angestellte war, hätte ihr nur die Hälfte zugestanden.

Als die Sache aufflog, gab sich Steimles Agentin Pudenz als Marie Funder aus. Bei Pudenz sei er gelandet, sagt der Schauspieler weil ihm eine enge Mitarbeiterin Heinzes die Agentur empfohlen habe. "Sie sagte, das gibt dann weniger Ärger", erinnert er sich. Wem so etwas widerfährt, der kann sich schon verfolgt fühlen. Steimle glaubt, er habe die Rolle im "Polizeiruf 110" wegen seiner Kritik an Heinzes Treatment verloren. Bei einem letzten Treffen am 31. Oktober 2008 habe sie ihn mit den Worten verabschiedet "Die ARD ist für Sie keine Versorgungsanstalt bis zur Rente." NDR-Programmdirektor Thomas Schreiber habe dabeigestanden und gelacht. Schreiber sagt, der Satz sei so nicht gefallen, gelacht habe er auch nicht und die Trennung von Steimle habe andere Gründe als die Kritik an Heinzes Treatment.

Wenn man Steimles Geschichte hört, versteht man dennoch sehr gut, warum die Angst vor der Fernsehspielchefin so groß war. Man kann nachvollziehen, weshalb Autoren, Produzenten und Regisseure schwiegen, die von ihren Machenschaften wussten. Aber hätte der NDR nicht auch von allein hinter das System Heinze kommen müssen? Immerhin reichte sie zwischen 2001 und 2009 unter dem Pseudonym Niklas Becker fünf Drehbücher ihres Mannes Claus Strobel ein. Als Marie Funder schrieb sie selbst zwei Drehbücher und ein Treatment. Weitere Bücher stammen von der in der Branche unbekannten Gesundheitsberaterin Monika von L. und einem gewissen Markus Benz, ein Pseudonym, von dem niemand weiß, wer sich hinter ihm verbirgt.

Bevor der NDR einen Produktionsauftrag erteilt, muss das Projekt zumindest formal sorgfältig geprüft werden. Am Ende stehen unter dem Auftrag sechs Unterschriften. Die letzte ist die des Programmdirektors. Auch wenn Heinze dieses Dokument mitunter zweimal unterschrieb, als Redakteurin und als Redaktionsleiterin: Hätte da ihr direkter Vorgesetzter nicht genauer hinschauen müssen? Das war von 1994 bis 2007, den Jahren, in denen sich das System Heinze etablierte, Verena Kulenkampff. Sie ist heute Programmdirektorin des WDR. Zum Fall Heinze möchte sie sich nicht äußern.

Kulenkampffs Vorgesetzter war bis 2004 NDR-Programmdirektor Jürgen Kellermeier. Heinze und er waren im Jahr 2000 zeitgleich bei den Olympischen Spielen in Sydney - er in dienstlicher Mission, sie als Touristin. Einigen NDR-Hierarchen soll die Reise der beiden missfallen haben. Kellermeier mag sich dazu nicht äußern. Er sagt, er fühle sich von ihr "getäuscht".

Durch einen laxen Umgang mit dem Urheberrecht fiel Heinzes Redaktion 2004 auf. Damals mussten NDR und Studio Hamburg einen Vergleich akzeptieren, der sie zur Zahlung von 9500 Euro an Anke Gebert verpflichtete. Heinze hatte ohne Zustimmung der Autorin ein Buch von ihr für die "Tatort"-Folge "Hexentanz" geändert und ihren Namen im Abspann nicht genannt. Ein ähnlicher Fall aus dem Jahr 2002 geht aber auf das Konto der Heinze-Komplizin Richter-Karst. Deren Allmedia hatte für die Produktion des Films "Vor meiner Zeit" zwar die Rechte an dem Buch eines englischen Autors erworben, nicht aber die an der deutschen Übersetzung, aus der sich der Drehbuchautor Niklas Becker alias Claus Strobel bediente. AllMedia musste dem Übersetzer 8000 Euro zahlen.

Dass der Sender Heinze 2003 ihren außertariflichen Vertrag nicht verlängerte, war wohl keine Disziplinierungsmaßnahme. Damals liefen im Zuge von Sparmaßnahmen außertarifliche Verträge mehrerer Mitarbeiter aus. Verdächtig war das Gebaren ihrer Fernsehspielchefin den NDR-Oberen offenbar nie.

Wird nun alles besser? Noch in dieser Woche soll der bisher nur suspendierten Heinze, gegen die der Staatsanwalt ermittelt, fristlos gekündigt werden. NDR-Intendant Lutz Marmor hat den Leiter der Revisionsabteilung des Senders, Horst Szychowiak, zum Anti-Korruptionsbeauftragten ernannt. Ein externer Ombudsmann wird noch gesucht. Andere Sender sind da weiter. Das ZDF hat schon seit 2005, der WDR immerhin seit 2008 einen externen Ansprechpartner, der allen, die sich bei ihm melden, Vertraulichkeit garantiert.