Thalia Mobil: "Das ist Esther" in der Gesamtschule Eppendorf

Direkt ran an die Schüler

Das Leben der in Hamburg geborenen Jüdin Esther Bauer, die den Holocaust überlebt hat, als mitreißendes Theater im Klassenzimmer.

Hamburg. Das Anklopfen klang noch etwas zaghaft. Das Mädchen aber, das daraufhin die Klasse betritt, ist alles andere als schüchtern und steht sofort im Mittelpunkt. "Ihr wartet auf Esther Bauer?!" stellt sie mehr fest, als dass sie es fragt. "Esther ist meine Oma. Und ich bin Mary Ann aus New York City." Den Neuntklässlern der Gesamtschule Eppendorf, von denen einige verlegen lächeln und andere skeptisch schauen, verrät Mary Ann, dass die Oma sich mal wieder verplaudert habe: "Sie erzählt so gern." Na ja, muss die Enkelin eben deren Geschichte erzählen, denn Oma bleibt weg ("echt bescheuert von ihr").

Spielerisch leicht bringt Christiane Richers in ihrem Stück "Das ist Esther" jungen Menschen die Lebensgeschichte einer in Hamburg geborenen Jüdin nahe. Schon einmal hat sich Richers mit Esther Bauer beschäftigt ("Esther leben", 2006 im Kellinghusenpark), doch diesmal hat sie einen überraschend neuen Zugang gefunden, hinter dem die Frage steht, wie man mit Erinnerungen von Zeitzeugen umgeht, wenn auch die letzten Holocaust-Überlebenden tot sind. Dass die Gratwanderung zwischen schwerem Thema und leichtfüßiger (aber nicht leichtfertiger) Verarbeitung so gut gelingt, ist auch das Verdienst von Regisseurin Katja Langenbach und der überzeugenden Darstellerin Claudia Friebel, die sehr offensiv spielt, die Jugendlichen wie Altersgenossen anspricht, aber nie anbiedernd wirkt. Als Mary Ann wuselt sie durch die Klasse, pflanzt sich aufs Pult, malt das Leben von Esther als Schaubild an die Tafel: "83 Jahre Leben und Überleben."

Es ist die Stärke des Monologs, dass das kaum Vorstellbare immer wieder in die Vorstellbarkeit junger Menschen von heute gerückt wird. Dass jemand plötzlich außen vor ist, von Gleichaltrigen gemieden wird, den Lieblingspark nicht mehr betreten darf, allen Besitz verliert, keine Privatheit mehr hat. Mary Ann zeigt mit dem Tafellineal wie Mengele in Auschwitz auf einzelne Schüler und kommandiert: "Nach rechts! Nach links!" Dazwischen kommt vom iPod die ruhig erzählende Stimme Esther Bauers, die ihre Familie im Konzentrationslager verlor und eine fünfjährige Odyssee durch verschiedene Lager überlebte. Nach einer Dreiviertelstunde klingelt Mary Anns Handy, Oma ruft zum Aufbruch, die Enkelin verschwindet so überstürzt, wie sie gekommen ist. Die Schüler sind beeindruckt: "Anfangs war es komisch, als einem die Schauspielerin so nahe kam. Aber ich fühlte mich rasch einbezogen."

  • "Das ist Esther" , für Schüler ab Klasse 9, Termine nach Absprache: Tel. 32 81 41 39; Kosten pro Schüler 5,50 Euro.