Totgesagte singen länger

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Die Uraufführung des "Pop-Oratoriums" "Hamburg Requiem" auf Kampnagel versuchte sich am ganz großen Spagat zwischen Tradition und Postmoderne. Und landete im Ungefähren dazwischen...

Die Uraufführung des "Pop-Oratoriums" "Hamburg Requiem" auf Kampnagel versuchte sich am ganz großen Spagat zwischen Tradition und Postmoderne. Und landete im Ungefähren dazwischen. Hamburg In Abwandlung des momentanen Überfestival-Titels "Wir nennen es Hamburg" könnte man die Kreuz-und-Quer-Komposition von Jan Dvorak, die am Freitag auf Kampnagel uraufgeführt wurde, wohl auch "Wir nennen es Requiem" taufen. Ein Abgesang auf die Hansestadt, wie wir sie kennen, sollte es sein, eine Totenmesse auch als Abgesang auf Wachstumssucht, Ignoranz, Herzenskälte und Egoismus. Eine Hymne aber auch auf die poetische Überzeichnung, dass der Tod als vermeintliche End- nur eine Zwischenstation auf dem Weg in eine schönere Zukunft ist. Aufgetischt wurde dazu reichlich. Bilderflut auf Großleinwand, reichlich Mitwirkende auf der Bühne: eine kleine Pop-Band, ein Posaunenchor und ausgeborgte Kirchenchöre, ein Streichtrio und vier Background-Sängerinnen. Alles schön aufgestellt auf der dunklen Bühne der großen Kampnagel-Halle, in der Mitte postiert ruhte, wenige Tage vor dem mexikanischen "Dia de los muertos", ein riesiger blumenbekränzter Totenschädel auf einem Podest, der kurz vor dem Finale auf Himmelfahrt in das Bühnenfirmament abhob. Vorneweg Jan Plewka und Julia Hummer als singende Schauspieler (oder umgekehrt) und dazu das Konzept, Avantgarde und Pop, ein bisschen Brian Wilson und ein bisschen Stockhausen, barocke Fugenkunst, Kirchentags-Besinnlichkeit und textliches Pathos auf einen Nenner zu bringen. Etwas viel vielleicht für einen einzigen 70-Minüter. Etwas viel Gutgemeintes, um jenseits starker Momente und handwerklich gelungener Chorsätze aus der Feder des Hamburger Bachpreis-Stipendiaten etwas oberhalb von so lala zu sein. Plewkas raue Stimme räumte bei seinen Balladen ganz von selbst ab, Hummer musste sich schon mehr anstrengen, um über das Klischee der verhuscht-charistmatischen Jungschauspielerin, die auch gern mal was mit Musik macht, hinauszuwachsen. Dvorak und sein Librettist Thomas Fiedler haben offenbar gewusst, warum sie ihre Kollaboration unter den Phantasie-Namen "Kommando Himmelfahrt" stellten. (jomi)

  • Weitere Aufführungen: 25., 26.10, 20 Uhr / 18., 19.11., 19 Uhr.