"Neues vom Dauerzustand"

Schauspielhaus: Sophie Rois, einfach wunderbar

René Polleschs "Neues vom Dauerzustand" im Deutschen Schauspielhaus ist sehenswert dank der "Schauspielerin des Jahres" Sophie Rois.

Hamburg. Es gibt wenige Schauspielerinnen, die jedes noch so mittelmäßige Konzept retten. Sophie Rois ist so eine Schauspielerin. Die Volksbühnen-Mimin könnte auch das Telefonbuch aufsagen, es wäre, vorgetragen mit ihrem hysterischen Furor, nervös gestikulierend, die Stimme raspelnd, immer noch sehens- und hörenswert.

Sophie Rois, soeben in der Kritikerumfrage der Zeitschrift "Theater heute" zur "Schauspielerin des Jahres" gekürt, ist Herz und Zentrum von René Polleschs aktueller, nur knapp einstündiger Uraufführung "Neues vom Dauerzustand", die am Donnerstag die Spielzeit im Schauspielhaus eröffnete. Eine hingebungsvolle Bühnenextremistin, von der man sich zur Not gerne strapazieren lässt.

Der zweite Hauptakteur ist das Bühnenbild von Bert Neumann, das es an Dramatik mit dem Setting von "Vom Winde verweht" mühelos aufnehmen kann. Auf dem leicht erhöhten Rund des "Spielfeldes" in dem renovierungsbedingt mit einer Bühne überwölbten Parkett hat er eine imposante Südstaatenkulisse errichtet. Mit glutrotem Himmel, traurigem Baum auf kargem Acker, und einem Piano, an dem eine zerzauste Sophie Rois als Erfolgsunternehmerin Vivienne einen melancholischen Saloon-Walzer anschlägt und über die Liebe sinniert.

Mit Romantik hat das natürlich wenig zu tun. Wir sind ja bei Pollesch. Komödiantisch, dabei weniger diskursmächtig als gewöhnlich, arbeitet der sich weiter an seiner Verzweiflung über die Verhältnisse ab. Die seltsam hohläugige Fassade des Herrschaftshauses gleicht dann auch eher Alfred Hitchcocks "Psycho"-Bau.

Die Liebe in Zeiten der Durchökonomisierung aller Lebensbereiche beschäftigte Pollesch bereits in seiner beim Theatertreffen gefeierten Großstadtsinfonie "Kill your Darlings! Streets of Berladelphia". Den Herzensangelegenheiten der Postmoderne kommt man in "Neues vom Dauerzustand" nur mehr mit einer archaischen "Auge um Auge"-Philosophie bei, auf der Folie eines Westernstreifens von Nicholas Ray: "Johnny Guitar - Wenn Frauen hassen" (1954). In der Hauptrolle der Vivienne dort die große Hollywood-Furie Joan Crawford.

Die Rois bekommt nun von Pollesch Sätze in den Mund gelegt wie: "Wir werden doch eigentlich alle zerstreut. In diese vielen Liebesgeschichten. Jeder liebt, und auf seine Art, und es sagt uns nichts. Wie anders ist es zu erklären, dass die Freunde mir raten, am Leben zu bleiben, nachdem ich verlassen wurde von meiner Liebe. Meine Liebe scheint ihnen nichts zu sagen." Theorie und Alltag sind weniger komplex zusammengedacht als in früheren Pollesch-Arbeiten wie etwa "Der Kandidat (1980). Sie leben!" oder "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern". Manch sinnhubernder Satz läuft ins Leere. Vielleicht muss man Pollesch ein Formtief attestieren. Immerhin, der beachtlich sich bauschende Reifrock schwingt mächtig, das Unterbewusste bricht sich unterhaltsam Bahn im Gesagten.

Das Prinzip der Austauschbarkeit dominiert die Arbeitswelt und damit leider auch das private Glück. Einzigartigkeit und Unverwechselbarkeit zählen nicht mehr. Das Subjekt hat keine Chance. Niemand bringt sich mehr aus Liebe um. Liebe in Zeiten des Kapitalismus, das bedeutet Kampf um Besitz und erbarmungslose Verteidigung des Erreichten gegen Neider. Hier verkörpert durch Viennas Gegenspielerin Emma, Christine Groß. Sie leitet einen Banden-Chor, vor allem aber schmachtet sie unglücklich Viennas seit fünf Jahren abwesende Liebe an, den Revolverhelden Johnny Logan.

Dieser für Polleschs Verhältnisse sogar einigermaßen konsequent verfolgte Erzählstrang wird natürlich immer wieder von Exkursen durchbrochen. Mal geht es um Dumpinglöhne, um Banküberfälle und Ergebnisse der neusten Bandenforschung, mal gleich um das Ende der Tragödie. Nebenbei setzt es Seitenhiebe auf die Behaglichkeit des linken akademischen Milieus. Das Glück des einen ist das Unglück des anderen. Das ist nicht nur in der globalisierten Ökonomie so, sondern auch auf dem Beziehungskarussell. Der zurückkehrende Johnny Logan, nunmehr ein Gitarre- statt Colt-schwingender Johnny Guitar, treibt die Eifersuchtsgefechte und Zickereien der beiden Diven auf den Siedepunkt und zum kugelschwangeren Showdown. Wie sich Rois und Groß lustvoll erhitzt die Textbälle zuwerfen ist wie immer sehenswert. Frauen am Rande des linksintellektuellen Nervenzusammenbruchs. Obwohl klug zusammengedacht, klingen die Inhalte hier mitunter so sinnleer, wie jener TV- Sprech, den Pollesch damit eigentlich entlarven will.

In der Hosenrolle des Johnny bleibt Leonie Hahn erschütternd unartikuliert. Mit ihrer absichtsvollen Monotonie soll sie wohl einen Kontrapunkt zu den spielmächtigen Diven, der sich allerdings ins Ärgernis verkehrt. Da nimmt man es der Rois kaum ab, wenn sie singt "Play it again, my Johnny!"

Und dann geistert da noch die große Fassbinder-Mimin Margit Carstensen als Johanna von Orleans durchs Bild. "Warum hilft die Liebe nicht? Warum sagen uns andere, es werde beim nächsten Mal schon besser werden, wo es doch niemals besser wird? Warum bringen wir uns nicht einfach um, wenn wir das schon wissen?", sinniert sie. Ihr widerfährt, wovor ihr am meisten graut: Sie bleibt am Ende aller Kämpfe übrig.

Carstensens zwar kurze, aber wirkungsvolle Auftritte führen sie zurück an das Haus, dem sie 1965 für vier Jahre angehörte. Das Schlusswort überlässt sie Theodor W. Adorno, der die These untermauert, dass Partnerwechsel ohnehin nicht zur Besserung führt. Der ganze Abend ist selbst eher wie ein Schnellschuss, der durch die Wüste zischt. Ein Glück nur, dass es darin eine Sophie Rois gibt.

"Neues vom Dauerzustand" nächste Vorstellungen 23.9., 8.10., 20.10., 25.10., jew. 20.00, Schauspielhaus, Kirchenallee 39, Karten unter T. 24 87 10; www.schauspielhaus.de