Nachruf: Der Regisseur und Autor George Tabori starb im Alter von 93 Jahren

Zwischen Hollywood und Holocaust

Seine Inszenierungen waren voller Leichtigkeit, seine Themen waren Tod und Trauma. George Tabori lehrte uns, die Vergangenheit zu bewältigen.

Hamburg. Auf die Frage "Wie möchten Sie sterben?" hat er eine perfekte Antwort gehabt: "Wie ich geboren wurde, nur andersherum." Der Witz und der Tod lagen für ihn eng beieinander. Seine Großmutter habe in ihrer letzten Stunde "Na endlich!" ausgerufen, sein Vater, bevor er in die Gaskammer von Auschwitz ging, habe "Nach Ihnen, Herr Mandelbaum" gesagt. Auf ihrem Totenbett, so berichtete George Tabori von seiner hoch verehrten Gertrude Stein, habe sie am Ende die Augen geöffnet und gesagt: "Was ist die Antwort?", und dann habe sie ihre Augen erneut geöffnet und gesagt: "Was ist die Frage?", und dann sei sie gestorben. "Das ist wohl auch der kurze Fragenkatalog des Herrn Tabori", sagt Regisseur Jürgen Flimm, der Tabori am Thalia-Theater 1994 "Delirium" inszenieren ließ, leicht, poetisch, wundersam, versponnen.

George Tabori war ein Dichter, ein Anekdotensammler. Was wahr war, was nicht, wen kümmerte es? Hauptsache, es war wunderbar von ihm erzählt. "Alles ist brauchbar, im Leben und auf der Bühne", hat er gesagt und: "Auf der Bühne ist jede Lüge wahr."

George Tabori, der dienstälteste Theatermacher der Welt, der bis zuletzt noch an immer neuen Stücken und Inszenierungen für das Berliner Ensemble arbeitete, ist am Montag im Alter von 93 Jahren gestorben. Am Ende soll der gebürtige Ungar nur noch ungarisch gesprochen haben. Im Bett liegend hat er zur Zimmerdecke geschaut und auf der weißen Fläche den "Lear", Shakespeares großes Werk vom Alter, inszeniert. Die Uraufführung seines letzten Stückes, "Gesegnete Mahlzeit", eine Selbstbespiegelung in Todesnähe und wie immer voller autobiografischer Anspielungen, hatte er vor zwei Monaten noch vom Bett in seiner Wohnung aus mithilfe einer Standleitung ins nahe gelegene Berliner Ensemble verfolgt.

Taboris Arbeiten waren tabulos, intim, amüsant - intensive Balanceakte zwischen Schmerz und Scherz, Witz und Wahn. In ihnen zeigte sich die ewige Jugend neben der Weisheit des Alters. Kunst und Leben waren für ihn, den viele als Guru oder Schamanen ansahen, kein Unterschied. "Mach kein Theater" lautete eine der mit sanftem Murmeln und tiefer Stimme ausgesprochenen Anweisungen des Regisseurs, der lieber Spielmacher genannt werden wollte.

Seine Stücke hießen "Mein Kampf" und erzählten von Hitler in einem Wiener Männerwohnheim, der dort den jüdischen Bibelverkäufer Schlomo Herzl kennenlernt. Oder "Weisman und Rotgesicht, ein jüdischer Western". Mit seinem Anti-Vietnam-Stück "Pinkville" inszenierte er 1971 einen Skandal. Von ihm gibt es eine Bibelparodie, "Die Goldbergvariationen". Einmal schreibt er: "Wie kriegt man zwanzig Juden in einen VW? Zwei vorne, drei hinten, den Rest im Aschenbecher." Geschmackloser geht's nicht. George Tabori, der uralte Theatermann und Jude, treibt diesen makabren Witz als Running Gag durch sein von ihm selbst inszeniertes Stück "Jubiläum". Für eine Inszenierung von Kafkas "Hungerkünstler" ließ er seine Schauspieler wochenlang hungern. Taboris wahre Theatergötter hießen Beckett und Shakespeare. Die Schauspieler Thomas Holtzmann und Peter Lühr ließ er an einem Tisch sitzend auf Godot warten. Es war einer der magischen Momente des deutschen Theaters.

George Tabori, der 1936 vor den Nazis fliehen musste, hat im Laufe seines Lebens in 17 Ländern gelebt. Tabori war Theaterkönig und Theatergott, doch ursprünglich war der gebürtige Ungar mit britischem Pass und Hollywood-Vergangenheit Autor. Gebildet, kultiviert und charmant, gab er nicht nur die perfekte Verkörperung des alten Europa ab, sein Lebenslauf wurde geprägt durch die unheilvolle europäische Geschichte.

Sein Leben als Künstler begann 1947 in Hollywood, wo er auf den großen Schauspieler Charles Laughton traf, der Brechts "Galilei" übersetzte. Tabori schrieb Stücke, Romane, begann selbst zu inszenieren. Für Alfred Hitchcock fertigte er das Drehbuch zu "Ich beichte". Er arbeitete mit Regisseuren wie Joseph Losey und Anatole Litvak, zu seinem Freundeskreis gehörten Elizabeth Taylor und Montgomery Clift. Er schrieb für den Broadway und sammelte Erfahrungen mit freien Theatergruppen, mit Gestalttherapie und Psychoanalyse. Derart geschult, kehrte der Emigrant 1969 aus den USA nach Deutschland zurück, im Gepäck seine Inszenierung "Die Kannibalen". Sein Stück handelt von KZ-Häftlingen, die aus Hunger einen Mithäftling essen wollen. Unerhört und bisher ungesehen. Für das deutsche Publikum begann so etwas wie eine theatralische Vergangenheitsbewältigung. Es wurde einer von Taboris größten Theatererfolgen.

Texte waren für Tabori nichts Heiliges, sie waren Spielmaterial. In Bremen und Wien leitete er Gruppen, die experimentierten und gelegentlich auch psychologisierten. Als Spielleiter beobachtete er Prozesse, künstlerische, politische, persönliche, historische. Seine Arbeit galt dem Erinnern, seine Gabe war es, Vergangenheit in Gegenwart verwandeln zu können. Und sein Motto hieß "Scheitern, wieder scheitern, besser scheitern". Es galt dem Leben als fortwährendem Prozess.

George Tabori war ein sanfter Mann mit einer großen Aura. Die Frauen liebten ihn, er liebte die Frauen. Lear und Hamlet ließ er von Frauen spielen, auch weil er fand, dass Frauen das Geheimnisvolle besser ausdrücken können als Männer. Taboris Inszenierungen wirkten oft so einfach, direkt und deutlich, und doch hatten sie stets etwas Verschlüsseltes. Seine Aufmerksamkeit galt dem Einzelnen, seinem Leid. Daraus machte er schwarze Komödien voller Liebe, Leben und Lust. Er entwarf Utopien, schamlos, kindlich und wahrhaftig.

Am Ende eines wunderbaren Buches über ihn ("George Tabori" von Andrea Welker, Bibliothek der Provinz) ist ein von ihm beschriebener Zettel abgedruckt. Darauf steht: "Ich spiele mit seiner Verzweiflung nur, um ihn zu heilen", sagt der arme Tom in "König Lear". Das ist alles, was ich versucht habe, nicht ohne Scheitern, nicht ohne Hoffnung." Genau darin bestand der Zauber seiner Kunst.

  • 3sat sendet am 28. Juli, 20.15 Uhr, den Nachruf "George Tabori ist tot".