Teil 1: In Avignon im Juli

Von Matthias von Hartz

Man kann sich das nicht wirklich vorstellen. Manches möchte man sich ja auch gar nicht vorstellen, Theater mittags bei 35 Grad im Schatten zum Beispiel. Die nette mittelalterliche Stadt in der Provence ist voll davon. Und sie ist wirklich völlig mit Plakaten zugeklebt. Neben dem Avignon International Festival (ca 40 Produktionen) laufen etwa 800 Stücke im Off-Festival, den ganzen Juli, jeden Tag. Die ersten beginnen um zehn Uhr morgens, die letzten um zwölf Uhr nachts. Macht beim herrschenden Zwei-Stunden-Rhythmus etwa 100 Stücke gleichzeitig in Räumen die meist etwa 100 Plätze haben. Bei 35 Grad im Schatten sind also in Avignon an jedem Tag im Juli zu jeder beliebigen Tageszeit etwa 1000 Zuschauer im Theater. Und die sind da wirklich drin.

Wir dachten eigentlich wir könnten auch mal tagsüber ans Meer fahren, aber jetzt trauen wir uns natürlich nicht mehr. Das kommt einem ja wie Desertation vor. Da wir aber erstmal vormittags doch nicht ins Theater wollen, sitzen wir zumindest in unserem Appartement. Wir lesen den 400 Seiten dicken Off-Festival-Katalog und machen eine beeindruckende Feststellung von der wir nicht wissen, ob es eine gute oder schlechte Nachricht ist: ausnahmslos alle Fotos sehen fürchterlich aus.

Abends jedoch bricht dann die ganze Herrlichkeit eines Theaterfestivals im südfranzösischen Sommer mit einer derartigen Wucht über uns herein. Ein mittelalterlicher Klosterhof voller fröhlicher Zuschauer, 24 Grad und Tanztheater der Weltklasse. Ich schlafe vor Glück mehrmals kurz ein und träume erfreulicherweise dabei immer vom Choreographen, der mir bereitwillig und erstaunlich verständlich erläutert, was ich da gerade sehe. Wir sind versöhnt mit Avignon, dem Sommer und, was noch erstaunlicher ist, dem gesamten Theater. Wir beschließen freudetrunken noch am gleichen Abend in Hamburg mittelfristig mindestens einen mittelalterlichen Klosterhof zu errichten.

Wir fahren also nicht ans Meer, sondern freuen uns den ganzen Tag auf den nächsten Abend. Ich fiebere darüber hinaus einer großen Pferdeshow entgegen, die eine Art Papst des internationalen Pferdetheaters extra für Avignon entwickelt hat. Seit unsere Ankunft erkläre ich regelmäßig meinen Kollegen zu deren völligem Entsetzen, dass das sowieso schon praktisch nach Hamburg zum Sommerfestival eingeladen sei: eine große Show mit Pferden in der Hansestadt, ein todsicherer Erfolg! Ich werde dann in der Zirkus-Krone-meets-High-Speed-Pony-Reiten-Show eines Besseren belehrt.

Wir sehen dann - unter anderem noch ein riesiges russisches Schauspiel in einem noch riesigeren Steinbruch und die wirklich großartige Produktion der Needcompany in einem wirklich genau ebenso großartigen Klosterhof. In spontaner Begeisterung sagen wir beides dem Regisseur Jan Lauwers, der uns entnervt erklärt, dass er nie wieder in seinem Leben open air spielen werde anscheinend haben wir die einzige Vorstellung ohne Gewitter erwischt. Spontan überdenken wir unseren Plan, in Hamburg einen mittelalterlichen Klosterhof zu errichten, und laden die Produktion in eine Kampnagel-Halle ein. Auf der Rückreise spekulieren wir, wann der Klimawandel den Sommer nach Hamburg bringen wird und schlagen unseren Freunden zuhause vor, solange im Juli nach Avignon zum Festival zu fahren.