Gordana Vnuk zieht Bilanz

Sechs Jahre Kampnagel: Ein Kampf mit vielen Widersprüchen

Hamburg. Keine Frage, Gordana Vnuk hat einen eigenen Kopf und ihre Sicht auf Theater, mit der sie nicht immer auf Gegenliebe beim Hamburger Publikum gestoßen ist. "Kampnagel war eine Herausforderung für mich, und ich musste mit vielen Widersprüchen kämpfen", sagt die kosmopolitische Kroatin beim Rückblick auf sechs Jahre ihrer Intendanz. "Ich sollte experimentelle, innovative Kunst und internationale Gastspiele bieten, die lokale Szene und den Nachwuchs fördern - und das mit sechs bespielbaren Hallen mit 100 bis 800 Plätzen. Sehr viel Programm für wenig Geld."

Infrastruktur und Personal fressen zwei Drittel des Gesamtetats. Ständig lastete der Druck der Besucherzahlen auf ihr. Vnuks Konzept von Anfang an: "Durch Abwechslung zwischen Experimenten und intelligenter Unterhaltung, zwischen unbekannten und bekannten Namen ein breites Publikum anzusprechen und zu gewinnen."

Als Produzentin hat sie sich vom Mainstream-Theater, dem "Festival-Zirkus" und einigen Netzwerken verabschiedet. Für sie sind die marktorientierten Veranstalter für eine Nivellierung von Ästhetik und Formen im europäischen Tanz und Theater verantwortlich. Stattdessen interessieren sie Künstler an der Peripherie Europas, im Vorderen Orient, Russland, Afrika und Asien, die sie eingeladen hat. "Sie verfügen durch kulturellen Background über ein anderes Potenzial und können frischen Wind ins westliche Theater bringen. Es ging mir nicht darum, neues Theater zu zeigen, sondern ein anderes."

Das haben die Hamburger auch zu sehen bekommen, aber oft nicht sehen wollen. "Anfangs war es schwierig", bestätigt Vnuk. "Ich dachte oft, es wird nicht funktionieren - auch beim ersten Laokoon-Festival von Hidenaga Otori. Aber ich habe nicht aufgegeben. Ich gebe nie auf, weil ich überzeugt bin von dem, was ich tue."

Die konsequente Intendantin sollte recht behalten. Die Besuchszahlen stiegen an. Zählte ihr Vorgänger Res Bosshart 75 000 Zuschauer in seiner letzten Saison, hatte sie im Startjahr bereits 90 000, konnte den Besuch auf 120 000 anheben und um diese Marke stabilisieren. Ausgeglichene Bilanzen legte auch die kaufmännische Direktorin Tessa Beeken vor: Bei einer Förderung von 3,62 Millionen Euro jährlich verfügte Kampnagel über einen Etat von 5,4 Millionen Euro. Ein Drittel davon ist durch Karteneinnahmen, Vermietungen und Sponsorengelder erwirtschaftet.

Um den Preis von Kurskorrekturen im Spielplan? "Nein, ich bin klug und taktisch vorgegangen, habe nicht alle großen Namen abgesetzt und auch publikumsattraktive Produktionen gezeigt, die thematisch ins Konzept passten." Den meisten Besucherzuspruch erzielten Tanz und Neuer Zirkus, radikalere Arbeiten sprachen wie überall weniger Publikum an. "Aber wir sollen und wollen uns Experimente leisten: Diese Rolle Kampnagels ist im lokalen und internationalen Kontext die wichtigste. Ich erwarte keinen Ansturm bei Aufführungen mit politischen Inhalten aus Mazedonien oder Indonesien. Trotzdem müssen wir sie bringen."

So wird auf dem Balkan politisches Theater noch ernst genommen und nicht wie im Westen ironisiert. "Dort ist man noch davon überzeugt, dass Theater etwas bewirken kann. Der Sturz des mazedonischen Kulturministers über unser Tito-Projekt hat das auch gezeigt." Ilirjan Bekiri wollte die Uraufführung in Bitola verbieten lassen und musste zurücktreten. Das umstrittene Stück eröffnet Vnuks Finale mit Tanz, Theater und Performance zum Thema "Tito - Der Dritte Weg".

Als eine ihrer Aufgaben betrachtet die amtierende Leiterin des Eurokaz-Festivals in Zagreb: "Wir müssen uns um Künstler kümmern, die neue Formen aufspüren, bevor sie ,populär' werden." Hat sie das auch in Hamburg getan? Kritiker bezweifeln das. "Man soll sich die Zahlen ansehen. Die Produktionen mit Hamburger Künstlern machen etwa ein Drittel unseres Programms aus. Die Vorwürfe kommen von denjenigen, deren Projekte sich bei uns nicht durchgesetzt haben."

Vnuk wurde durch Christina Weiss vom Chapter Arts Centre in Cardiff nach Hamburg geholt. Sie hat drei Kultursenatorinnen erlebt und konstatiert eine zunehmende Einschränkung der experimentellen Freiräume für die Kunst. Politiker seien nur an "Leuchttürmen" und Eventkultur interessiert. "Problematisches und Provokatives hat es schwerer. Risikobereitschaft wird immer weniger unterstützt. Hamburgs Hauptprojekt ist jetzt nicht ein Programm, sondern eine Architektur. Für die Elbphilharmonie fließt viel Geld, weil sich Spender mit Glanz schmücken wollen. Kampnagel würde das nie bekommen. Doch ich bin Christina Weiss dankbar, dass sie mich geholt hat. Nach einem Jahr ging sie zwar - und danach wurde ich eher geduldet."

Vielleicht ein Grund, warum Vnuk von der Option, ihren Vertrag um vier Jahre zu verlängern, nur zur Hälfte beanspruchte. Einen weiteren benennt sie deutlich: "Ich arbeite seit zehn Jahren im Ausland und will nach Hause zurückkehren." Ihre Erfahrungen wird sie nützen, um in Zagreb ein ähnliches Zentrum wie Kampnagel für die unabhängige Szene aufzubauen. "Ich habe bereits Kontakt zu Politikern, aber es ist kein Projekt, das sich von heute auf morgen realisieren lässt. Nach den anstrengenden, doch großartigen Jahren könnte ich mir auch Ruhe und Zeit nehmen, ein Buch zu schreiben." Worüber? Natürlich über das Theater.

  • Tito - Der Dritte Weg 7.-16.6., Kampnagelfabrik, Karten: 27 09 49 49.