Finale: Wo die Kunst wohnt

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Eigentlich möchte man ja nach vielen Reisen in Keller, Opern, lokale Szenen, Festivals, Biennalen und andere (Un-)orte der Kunst wissen, wo die wohnt. Und wie die denn so gemacht wird: die gute Kunst, das gute Theater; auf dass wir hier bald auch nur noch solche/s haben.

So viel kann man natürlich gar nicht reisen, dass man darauf wirklich eine Antwort hätte. Aber ein paar Ahnungen beschleichen einen natürlich doch.

Eine deutsche Spezialität fällt zum Beispiel immer wieder auf. Die Tradition, lieber in Gebäude als in Menschen zu investieren, lieber in Institutionen als in Inhalte, ist wohl nirgends so ausgeprägt wie hier. Das ist schon lange so und verschärft sich in Zeiten knapper werdender öffentlicher Haushalte. Zusätzliches Geld für Kultur kommt meist nur noch aus Infrastruktur-Töpfen der Kommunen. Und dann werden eben Häuser finanziert und nicht Kunst. Das kann man ja von München bis Hamburg mehr als deutlich sehen. Das deutsche Stadttheatersystem ist dafür ein weiteres offensichtliches Beispiel. Geld bekommen hier erst Häuser dann Künstler. Das ist weder selbstverständlich, noch überall so und hat natürlich Konsequenzen auf das, was da produziert wird. Sehr wenig von dem, was im deutschen Stadttheater entsteht, taucht auf einem internationalen Markt überhaupt auf. Das spricht nicht gegen die Qualität, das Ziel ist eben in erster Linie Theater in und für eine Stadt zu machen - wie der Name schon sagt; und dagegen ist ja auch nichts einzuwenden. Leider hat es auch zur Folge, dass die reichste Theaterlandschaft der Welt wenig Austausch mit selbiger hat. Internationale Gastspiele machen wenige Theater und grenzüberschreitende Koproduktionen leistet man sich selten. Einerseits sind die Mittel weitgehend in der Repertoirpflege vor Ort gebunden und andererseits ist es auch vergleichsweise einfach, sich in der reichsten Theaterlandschaft selbst genug zu sein.

Eine zweite Ahnung hat auch etwas mit Menschen zu tun, mit Künstlern und Damit, wie sie arbeiten. Viele der interessantesten Projekte, die ich gesehen habe, sind in lebendigen Kunstszenen entstanden, dort wo viele Künstler sich und ihre Arbeit beobachten und begleiten und sich austauschen. Der eremitische Künstler oder die große alles ermöglichende Kunstinstitution sind extrem selten. Auch wenn viele Szenen längst Netzwerke nomadischer Einzelkünstler sind, gibt es doch in mancherlei Hinsicht so etwas wie ein relevantes lokales Umfeld. Szenen kann man weder züchten noch verordnen, aber wohl fördern. Die gibt es dann vielleicht eher in den Umbruchszonen Osteuropas oder an den Rändern von sich wandelnden unübersichtlichen Metropolen, als in durchökonomisierten Gesellschaften oder weitgehend gestalteten Städten wie Hamburg. Um zu verstehen, wie das anders laufen könnte, und was man bei der Umwandlung der Hafencity an Zwischennutzungspotential vergeben hat, muss man ja nur einmal nach Berlin fahren und sich Zwischennutzungsprodukte wie die mittlerweile international renomierten Kunstwerke oder die Berlin Biennale ansehen.

Letztlich muß man natürlich zugeben, dass das alles vielleicht auch gar nicht stimmt. Möglicherweise kommt die nächste Entdeckung (wie die letzte, die wir in einem New Yorker Büro gemacht haben) doch von Einzelkämpfern in einem unmöglichen Umfeld. Aber irgendeine Erkenntnis muss man nach zehn Tagen Festivaltagebuch schließlich in die Welt setzen. Reisen bildet ja. Sagt man. In diesem Sinne einen schönen Sommer - und bis zum 14.8. auf Kampnagel!