Teil 7: New York, im Winter

Mitten in New York. Wem bei der Betrachtung von Schanzenviertel und St.Pauli noch nicht klar ist, was Gentrifizierung ist und welche entscheidende Rolle dafür die "creative class" hat, der kann das in New York noch deutlicher sehen.

In immer schneller werdenden Abständen wechseln Ateliers und Galerien die Viertel, Lofts und Boutiquen kamen früher nach, mittlerweile sind die schnellsten bei der ersten Künstlerwelle schon dabei. So schwemmt sich ein Galerien- und Immobilienboom nach dem anderen über Manhattan und ich wage gar nicht zu sagen, wo sich gerade die Spitze der Bewegung befindet. Jedenfalls ging es dem legendären New Yorker Theater "The Kitchen" dabei eher so wie dem Hasen und dem Igel: Es war schon ewig im Meatpacking-Distrikt am Hudson, als der Hype dort ankam. Dort liegt es nun zwischen Galerien und der "Alexander McQueen"-Boutique und dort läuft in unregelmäßigen Abständen das, was wir uns als Avantgarde aus New York vorstellen. Meist kann das dort auch nur deswegen laufen, weil irgendjemand in Europa das Stück koproduziert hat. Mit New Yorker Geld alleine entsteht da leider schon länger nicht mehr viel, was vermutlich nicht nur mit den Mieten zu tun hat oder vielleicht auch nie anders war. Dass uns jeder New Yorker Künstler ganz begeistert von dieser großen Stadt in Deutschland erzählt, wo es so riesige billige Ateliers gibt, wollen wir hier nicht weiter vertiefen. Stattdessen gehen wir, wie es sich gehört, raus aus der Galerie und rein ins Theater bzw. dorthin, wo Theater gemacht wird, was dann ja auch gerne mal was anderes (eine Kirche, ein Büro) sein kann.

Die große amerikanische Theatermesse findet beispielsweise jedes Jahr im Januar im Kongresszentrum des Hilton-Hotels an der 6th Avenue statt und das ist dann wirklich "beyond imagination". Eine ganze Etage voller Stände wie bei "Du und deine Welt", nur dass da eben statt Gurkenhobeln Kunst angeboten wird. Erstaunlich, aber scheint zu funktionieren. Im Windschatten des Ganzen gibt es dann Showcases, Festivals, jede Art offiziell und inoffiziell trittbrettfahrende Programme. Das Glück einer zufälligen Begegnung mit einem so sympathisch wie merkwürdig aussehenden Päarchen bringt mich dann eines Abends zu deren Stück in ein Bürohaus, um mir ein Vier-Stunden-Stück anzusehen. Sie hatten mich damit geködert, dass es Peanutbutter-Sandwiches geben würde, worauf ich reinfalle, weil ich ohnehin so froh bin, in den USA zu sein und "Reese’s Peanut Butter Cups" essen zu können.

In diesem Büroraum ist lediglich die Neonröhre mit einer Pappe verhängt, ansonsten sieht es da so aus, wie man es sich vorstellt, nur alles älter. Ich bin mir sicher, dass hier nichts Interessantes passieren wird, ärgere mich über meine Verführbarkeit mit Erdnussbutter und setze mich schicksalsergeben in die erste Reihe. Was dann passiert, ist schon fast Geschichte. Es folgt einer der interessantesten Theaterabende der letzten Jahre, die Gruppe (Nature Theatre of Oklahoma) gastiert auf Kampnagel, war mittlerweile weltweit auf mehreren wichtigen Festivals, gewinnt den Obie Award, ist der New Yorker "talk of town", immer ausverkauft und Kampnagel koproduziert mit den Salzburger Festspielen ihr neues Stück "Romeo&Juliet". Uraufführung beim Sommerfestival im August in Hamburg.

Ach ja, noch was wegen der Miete: Ich besuche noch eine australische Bekannte, die zuletzt mit Peter Sellars das Festival von Adelaide kuratiert hat. Sie ist kürzlich nach New York gekommen, um das größte amerikanische Zentrum für Medienkunst zu leiten (liegt nun zufällig auch in der Gegend, über die wir anfangs sprachen). Zum Thema Wohnung sagt sie: Für mich war das einfach. Da ich eine Wohnung wollte, in die ich auch mal sechs Freunde zum Essen an einem Tisch einladen wollte, war klar, dass ich nach Brooklyn ziehe.

PS: Ich suche auch eine Wohnung. In Hamburg. Nicht in New York. Immerhin.