Teil 6: Am Ende von London im Winter

Die privatisierte britische Eisenbahn war schon immer eines meiner liebsten Gegenbeispiele für den Glauben an die neoliberale Globalisierung.

Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung waren ja die drei Dinge, die uns niedrigere Preise, höhere Effizienz und besseren Service bringen sollten. Bei der Privatisierung von British Rail hat irgendwie nichts davon geklappt.

Ich sitze also endlich in diesem teuren, hässlichen und langsamen Zug und fahre nach Newbury (nachdem ich mir drei Tickets gezogen habe, die alle aus unerklärlichen Gründen vom Einlass-Scanner nicht gelesen werden konnten und ich mich dann panisch, unter Einsatz meiner ganzen Angst, letztlich umsonst nach England geflogen zu sein, zum einzigen lebenden Mitarbeiter der Bahngesellschaft vorgekämpft habe. Der hat entweder auch Angst oder vermutlich einfach nur Mitleid mit mir und lässt mich durch). Ich bin also wahnsinnig froh, dass ich da sitze, aber irgendwie auch beeindruckt, und mich Margaret Thatcher beinahe daran gehindert hätte, meine Arbeit zu machen. Doch jetzt bin ich auf dem Weg die Tanzproduktion sehen, von der "The Guardian" gesagt hat: "The most important choreography in the 21st century" - oder so ähnlich.

Am Bahnhof von Newbury gibt es quasi kein Licht und auch keine Taxis. Die Mitreisenden laufen über einen Parkplatz auf die Rückseite eines (eindeutig mittlerweile geschlossenen) Einkaufszentrums zu, um dort zu verschwinden. Nichts weiter deutet auf die Existenz von Leben hin, geschweige denn auf Kultur. Ich erinnere mich ganz plötzlich, dass es bei google zwei Newburys gab, von denen ich souverän einfach das erste ausgewählt habe. Na großartig. Ich erkenne Licht an der Stelle des Einkaufszentrums, an der auch alle anderen verschwunden sind. Eine Art verlassener Busbahnhof und auch gleich eine englische Mikro-Fußgängerzone tauchen auf. Da wird es doch möglicherweise labbrige englische Pizza geben, damit werde ich meinen Abend wohl füllen.

Nachdem ich mich etwa 120 Meter lang gefreut habe, dass englische Pubs so sehr wie englische Pubs aussehen, dass man selbst völlig betrunken auf der Straße davor immer sofort erkennen kann, in welchem Land man ist, taucht eine Gruppe von Schülern auf, die Gesichter machen, als müssten sie ins Theater. Gewonnen! Da ist "The Newbury Corn Exchange" ein Gebäude, dessen Geschichte ich noch studieren kann, während ich auf das größte Tanzstück der Neuzeit warte.

Zum Theaterabend bleibt nur zu sagen, dss es tatsächlich die beste Show des Universums oder zumindest des letzten Jahres. Ich bin begeistert, dass der junge Choreograph Hofesh Shechter, und seine talentierte Compagnie neben dem Theatre de la Ville in Paris auch bald auf Kampnagel tanzen werden. Es ist sehr spät und auch sehr kalt, als ich in mein Hotel zurückkehre. Das schöne an englischen Hotels ist, denke ich und krieche zähneklappernd unter mein Bettlaken, dass die Fenster so undicht sind, dass man sich wie in einem Entwicklungsland vorkommt. In dieser Nacht schlafe ich wenig, und denke viel über den Klimawandel nach. Ich mag England. Wirklich.